So billig kommen Sie nie wieder an Qualität

Süddeutsche Zeitung vom 7. Juni 2002 von Wolfgang Schreiber

Spinnerei oder künstlerische Notwendigkeit? Die junge Zeitgenössische Oper Berlin kämpft ums Überleben und spielt die moderne „Tristan“-Variante des Schweizers Frank Martin

Süddeutsche Zeitung vom 7. Juni 2002 von Wolfgang Schreiber

Das große Berlin hat auf seinem Kulturboden drei Opernhäuser stehen und wird darum von anderen großen Städten beneidet. Berlin wird aus demselben Grund aber bemitleidet, denn die Hauptstadt ist zu arm, um drei Opernbühnen großzügig auszustaffieren. Überhaupt ist der Mangel, verbunden mit Überlebensangst und zuweilen Trotz, permanent der Steinerne Gast in der Berliner Theaterlandschaft. Jetzt die Wahnsinnsfrage: Braucht Berlin ein viertes, fünftes und sechstes Operninstitut? Was eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes zu sein scheint, ist längst Wirklichkeit, denn Berlin hat seit fünf Jahren die „Zeitgenössische Oper“. Neben der schon etwas älteren Berliner Kammeroper und der Neuköllner Oper. Spinnerei, sträflicher Luxus, Notwendigkeit?

Die Zeitgenössische Oper, geführt von vier energisch-idealistischen Leuten, wurde einzig und allein dazu gegründet, eine Lücke in den Köpfen und Spielplänen zu füllen: die nach 1945 entstandene internationale Opernkunst. Ein junger Musiktheater-Allrounder aus Essen hatte die Idee, Andreas Rochholl, damals Regisseur und Dramaturg am Theater in Basel, davor Abendspielleiter an der Wiener Staatsoper. Rochholl und sein Mann für die Musik, der junge Dirigent Rüdiger Bohn, waren der Meinung: „Nur Zauberflöte und Bohème, das kann nicht die Zukunft der Oper, nicht unsere Zukunft sein.“ Das Berliner Hebbel-Theater stellt dem Leitungsteam bis heute die Spielstätte – in Kreuzberg, gegenüber dem Willy-Brandt-Haus – für Projekte zur Verfügung: bisher sieben sehr erfolgreiche Produktionen, Opern von Hans Werner Henze und John Cage, Mauricio Kagel und Adriana Hölszky, Giorgio Battistelli und Morton Feldman. Zu den Höhepunkten gehörte Aribert Reimanns „Gespenstersonate“ vor zwei Jahren schon deshalb, weil die Opernlegende Martha Mödl dabei mitwirkte. Mödl gab der Zeitgenössischen Oper den Ritterschlag: Sie sei überglücklich, mitspielen zu dürfen, die Arbeit mit einem jungen, schwungvollen Team riss die alte Dame hin.

Das alles machte längst Aufsehen in der Berliner Kultur, und so ließ sich die Neugierde von Menschen und Institutionen bündeln: Es bildete sich ein Förderkreis mit einer Liste guter Namen, die zusätzlich Reputation & Geld verschaffen, die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank verlieh ihren neuen Preis „Akademie Musiktheater heute“ der Zeitgenössischen Oper. Der Griff nach den Sternen folgte prompt auf dem Fuß: Das Architektenteam Gewers Kühn und Kühn setzte offiziell eine Idee und ein brillantes Baumodell in die Welt (die SZ berichtete), das dem Institut ein eigenes Haus verhieß, in Traumlage zwischen Hamburger Bahnhof und Kanzleramt. Von der Utopie allerdings, einem Zentrum für zeitgenössische Oper und Musik à la Pariser Ircam im Kleinen, redet im Moment kaum mehr jemand. Zu schön, um wahr zu sein: Nur für die neue Musik – Aufführungssaal, Werkstattbühne, Klanginstallationsräume, Mediathek und Forschungslabors, ein „Musikspielplatz“, ein Restaurant. Motto: „Man weiß nicht, wie die Musik von Morgen klingen wird: dieses Gebäude ist als Freiplatz für Inspiration geschaffen“. Leider ist die Zeitgenössische Oper nun jäh in Gefahr geraten.

Berlin sei „eine schnelle und kreative Stadt, und naturgemäß färbt das auch auf die Theaterszene ab“. Der Satz stammt aus dem Gutachten, das eine Kommission aus Theatersachverständigen für den Berliner Senat erstellt hat: Die Politiker wollen rechtens mit qualitativen Kriterien bei der Vergabe von „Konzeptförderung“ versorgt sein. Mit gut einer halben Million Euro jährlich war die Zeitgenössische Oper in der Finanzplanung schon drin, dann hat neulich eine „Nachschiebeliste zum Doppelhaushalt“ dazu geführt, dass die Summe trotz positiven Gutachtervotums jetzt nicht mehr verfügbar sein soll, bei allen hochheiliger Versprechungen seitens des Kultursenators und anderer Berliner Politiker.

Proteststimmen folgten, von Peter Ruzicka, dem Chef der Münchener Biennale wie der Salzburger Festspiele, bis hin zur Siemens Musikstiftung, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, den Komponisten Aribert Reimann und Heiner Goebbels. Die Streichung der Fördermittel, so Goebbels an Kultursenator Thomas Flierl, sei „mehr als kurzsichtig, weil Sie auch wissen: so billig bekommen Sie nie wieder herausragende Qualität und kulturelle Reputation, für die auch eine Reise nach Berlin lohnt“. Am heutigen Freitag befasst sich der Haushaltsausschuss des Senats mit der Kultur, entschieden wird auch über die Förderung der Zeitgenössischen Oper. Andreas Rochholl hat von seinem Lehrer, dem Regisseur Kurt Horres, einst gelernt, was es mit der Verantwortung von Politik und Gesellschaft für ein lebendiges Theater auf sich hat, „ein Theater, das man lieben will“. Er weiß: Wird die Summe gekappt, gehen auch Zukunftsprojekte seiner Oper verloren – eine Produktion für die Münchener Biennale, für das Musikfestival von Shanghai. Unser Fazit kann somit nur heißen: Unbedingt muss die Existenz der Zeitgenössischen Oper, muss Basisförderung für Kunst-Engagement und Risikobereitschaft der Jungen in der Hauptstadt erhalten werden.

Wie professionell die Zeitgenössische Oper szenisch-musikalisch sich Qualität erarbeitet, zeigte sie mit dem neuen Projekt, der selten gespielten Kammeroper „Le Vin Herbé“ des Schweizer Komponisten Frank Martin. Das 1948 in Salzburg uraufgeführte Stück behandelt den Tristan-Stoff in einer streng antipsychologischen, freitonalen Musik, die – atmosphärisch zwischen Debussy und Messiaen – ihren Sog entwickelt. Zumal Rüdiger Bohn mit einem Kammerensemble hervorragend Präzision, Klarheit, Maß besorgte. Die Sänger, übrigens für jede Produktion neu zusammengestellt, überzeugten durch vokale Konzentration, die Regie (Sabrina Hölzer) verknappte das Geschehen auf stringente Einfachheit, auf der Bühne (Mirella Weingarten) erschien eine Welt der Liebenden reduziert auf ein archaisches Gehäuse der Poesie und der Schmerzen. Triumph der modernen Oper aus Spannungen des Leisen, des Wahren.