Operare ∙ Partner gesucht

Interdisziplinärer Realisierungswettbewerb, 2007–2011

operare wendet sich an Künstler, Autoren, Kulturunternehmer, Entwerfer und Erfinder, die für ihre Arbeit im Umfeld zeitgenössischen Musiktheaters Partner suchen. operare  bietet eine Werkstatt der Begegnung, aus der heraus neue Projektgemeinschaften für die Realisierung zeitgenössischen Musiktheaters entstehen werden. Der Workshop ermöglicht das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Disziplinen. Durch die Interaktion einzelner Talente und Ideen sollen innovative Ansätze für das gegenwartsbezogene Musiktheater entwickelt werden.

Komm, wir spielen Gedankenspiele Fantasievoll: der Berliner „operare“-Wettbewerb Der Tagesspiegel, 09.02.2008

In dem 5-tägigen Workshop werden Ideen der ca. 40 Teilnhemer auf ihre Praxistauglichkeit hin befragt. Erfahrene Künstler und Produzenten begleiten den Workshop als Dialogpartner. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Material und die Erweiterung seines Möglichkeitsraumes. Weitere Schwerpunkte sind das Ausloten überzeugender Vermittlungsstrategien sowie die Suche nach strukturellen Alternativen zu den Produktionswegen klassischer Institutionen. Preisträgerproduktionen sind u.a.: Wie quälst Du mein Herz – Eifersuchtsprojekt, 2011 Atlas Eclipticalis (John Cage), 2011 Hybrida ∙ KlangKörperSkulpturen, 2011 Verstehen Sie Bahnhof, 2010 JudoOper, 2010 Alphabet, 2009

operare – Selbstständigkeit als Zukunftsperspektive

von Andreas Rochholl, erschienen in: Netzwerk Neue Musik 2’33“

„Was gibt es Aufregenderes als das Erlebnis von Neugier und Berührungslust? Kommunikation ist einfacher, wenn sie energetisch von unmittelbar erlebter Attraktion gespeist wird ohne eine ständig dahinter spürbare Strategie. Diese Erfahrung konnte in dem interdisziplinären Realisierungswettbewerb operare „Partner gesucht“ gemacht werden, den die Zeitgenössische Oper Berlin durchführte. 40 beruflich erfahrene Teilnehmer unterschiedlichster Profession trafen in einem Workshop aufeinander, um sich gegenseitig kennenzulernen mit dem, was sie mitgebracht haben: Ihre Erfahrung, ihre bisherigen Arbeiten und ihre Ideen für Kommendes, für die sie Partner oder einfach neue Anregungen suchten.

Zu Beginn waren sich alle persönlich und zumeist auch in ihren Arbeitsfeldern fremd, aber schon nach den ersten Stunden entstand eine Eigendynamik des Fragens, Zuhörens, Zeigens und Staunens. Bereits am Ende des ersten Tages war eine überraschende Euphorie zu spüren. Multimediakünstler tauschten sich aus mit Regisseuren, Autoren mit Choreografen, Architekten mit Komponisten, bildenden Künstlern, Trickfilmern, Produzenten, Toningenieuren, Artisten, etc. Vielleicht lag das Besondere dieser Konstellation darin, dass sie nicht als Konkurrenz erlebt wurde, sondern wie eine Art Flirtböse, eine Atmosphäre des Miteinanders und Aufeinander-Zugehens: Mit wem könnte ich was realisieren oder zumindest mal andenken? Wie könnte ich meine eigenen Fähigkeiten mit denen von anderen kombinieren um Komplexeres oder Ungewohntes zu produzieren?

Man sollte davon ausgehen, dass in unserer vernetzten Welt solche analogen Netzwerke nicht nötig sind, aber die bisher durchgeführten Jahrgänge operare haben deutlich gezeigt, wie groß der Bedarf an dieser interdisziplinären, analogen Kontaktmöglichkeit ist. An der Möglichkeit aneinander zu wachsen. Die jeweiligen beruflichen Teil-Szenen sind wohl zu hermetisch, zu klein, zu unverständlich in ihren Codes. Von jeweils ca. 140 Bewerben konnte eine Jury die Teilnehmer sorgfältig heterogen auswählen. Nach der gemeinsam verbrachten Woche entstanden über ein Dutzend neue Projektideen und Produktionsgemeinschaften im weitesten Kontext des zeitgenössischen Musiktheaters. Zwei Teams konnten jeweils von der Jury mit dem Preisgeld von je 20.000 Euro in eine konkrete erste Realisierung geschickt werden, aber es zeigte sich, dass auch andere in operare sich gefundene Partnerschaften ihre Ideen auf eigene Faust umgesetzt haben. Nach dem Workshop wurden u.a. ein Blog eingerichtet, eine kulturpolitische Vertretung, ein Verlag und mehrere neue GbRs gegründet und Produktionen realisiert. Die Befragung der Teilnehmer der ersten Jahrgänge zeigt deutlich, wie nachhaltig das Potential des Workshops genutzt wurde. Viele haben durch operare zum ersten Mal intensiv Neue Musik erfahren und konnten unmittelbar konkrete Möglichkeiten für deren Einbindung in ihre eigene Arbeitsweise entwickeln und dafür auch Partner finden.

Die Ermutigung und Beratung während des Workshops, sich kulturwirtschaftlich selbständig zu machen, um eigene komplexere künstlerische Ideen und neue Produktionswege auch unternehmerisch zu ermöglichen, wurde vielgestaltig umgesetzt.  Wirtschaftliche, steuerrechtliche, und urheberrechtlicher Probleme konnten skizziert werden, erfahrene Produzenten gaben praktische Hinweise, wie man sich von der Idee zur Eigen-Produktion einen Weg bahnen kann auch außerhalb öffentlich-rechtlicher Institutionen.

Die Zukunft liegt in der Selbständigkeit
Nicht die anhaltenden Spardiskussionen erzwingen alternative Strategien, um innovative Produktionsmöglichkeiten zu erfinden: Das künstlerische Material selbst enthält die Substanz und Aufforderung, die nach Geburten verlangt, weil es zum größer werdenden Anteil einfach nicht mehr in die tradierten Strukturen hineinpasst. Orchester und Opernhäuser übernehmen kaum noch die Aufgabe dieser zyklischen Erneuerung, weil ihre Apparate vor allem dem 19. Jahrhundert verpflichtet sind. Die Hochschulen bilden ihre Studenten nach wie vor aber vor allem für diesen „Markt“ aus.

Es gibt eine wesentliche Ausbildungslücke im deutschen Musiksystem: Die Ausbildung zur kulturwirtschaftlichen Selbständigkeit im Bereich künstlerischer Innovation. Diese Lücke kann gefüllt werden durch eine vermittelnde und unterstützende Plattform, einen kontinuierlich organisierten Marktplatz, eine Ausbildungswerkstatt für eine noch nicht gewusste Zukunft. Um das zeitgenössische Musiktheater auch außerhalb der Opernhäuser zukunftsfähig zu machen, ist es deshalb am fruchtbarsten, man ermöglicht zyklisch Neuanfänge, lässt immer wieder überraschende Konstellationen aufeinander treffen und bietet Hilfe zur Selbständigkeit. Kleinere Produktionseinheiten sind flexibler. Der Wettbewerb operare könnte ein erster Baustein sein zu einer umfangreicheren Ausbildungsstrategie mit dem Ziel, zeitgemäße Produktionsstrukturen zu fördern. Es braucht neben dem klassischen Intendantenmodell wie bei der Münchener Biennale einen offen strukturierten Ort des freien Aufeinandertreffens der komplexen Kräfte, an dem sich chaotische Prozesse ereignen dürfen. Diese erfinden bekanntlich Evolution.“

operare  ist ein Projekt der Zeitgenössischen Oper Berlin in Kooperation mit dem KNM Berlin und der Akademie der Künste im Rahmen von ohrenstrand.net. ohrenstrand.net wird gefördert durch das Netzwerk Neue Musik, ein Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes, und die Kulturverwaltung des Landes Berlin.