Zeitgenössische Oper Berlin

1. Vorspiel
Miss Donnithorne lädt den Zuhörer zu ihrer eingebildeten Hochzeit ein.

Exzellenz, Eurer Ehren, Hochwohlgeborene, verehrte Damen und Herren,
Bewohner von Syndey, vor allem die ehrenwerten Armen,
Miss Donnithorne erbittet Ihre Teilnahme an ihrem Hochzeitsfest und Ball.
Mögen Sie alle daran ersticken.

 

2. Miss Donnithornes Grille

Das erste “Lied” deutet auf eine Parallele zwischen Miss Donnithorne und der Weißen Frau von Berners Street, ein berühmtes Londoner Gespenst und einen anderen Prototyp für Miss Havisham hin. Dargestellt wird auch das Bild der Hochzeitstorte, die eine Turmform hat. Dies ist der erste von einigen Freudschen Hinweisen, die Miss Donnithornes erregte Phantasie hervorbringt.

Wankelmütig vor Neid die weiße Dame der silbernen Stadt Sydney
so imposant wie ein Kerzenstumpf in ihrem sich windenden Gewand:
ihr zartes Musselingesicht apfelblaß und wie ein Spinnenei,
ihre Mondsteine frisch poliert durch einem Mondlappen aus Spitze.

Sie weinte wie ein Xylophon, sie lachte wie ein Baum.
“Ach,” sagte sie, “wer würde nicht mit mir tauschen?”
Allein für sich so einen feinen Kuchenturm zu haben,
wo der Seetang und kostbare Korallenschlangen sich verschlingen.

Sie tanzte wie eine Kerze. “Wer möchte nicht ich sein?”
Den ganzen Tag das Bett hüten, eingebettet in einem Baum, -
entspringend aus der Tiefe, errötet vom Hochzeitswein,
der bei Tagesanbruch weißen Tau auf mich tropft beim Speisen.”

Die Palme neben ihrem Bett drängelte sich durch die Gitter
sanfter als Barthaar, süßer als Zigarren,
bis voll wie ein Spinnenei wuchs ihr schönes Mondgesicht
und kleine Spinnen jagten fröhlich überall umher.

 

3. Rezitativ

Die sehr belesene Miss Donnithorne sieht sich hier in der Rolle der Ophelia. Erwähnt wird Bea Miles, eine reiche Aussteigerin, die primitive Unterkunft bevorzugte und bis zu ihrem Tod 1974 in Sydney das Gesamtwerk Shakespeares auswendig vortragen konnte. Erwähnt wird auch der “Ewigkeitsmensch”, der bei nächtlichen Wanderungen mit Kreide das Wort “Ewigkeit” auf die Straßen Sydneys malte.

Man sagt, die Eule war eine Bäckers Tochter. Gott, wir wissen, was wir sind, aber nicht was aus uns wird.

Hier kommt die Braut, völlig verrückt im weißen Satin. Und die Magd, völlig gesund in schwarzem Kleid mit einer ganz süßen Schürze.
Vom Meer bläst ein leichter Wind herüber. Ein Stück Kreide nehme ich in die Hand und gehe in die Nacht hinaus,
und auf jede versilberten Straße der schlafenden Stadt werde ich dieses Wort schreiben: “Ewigkeit.”

Unter den Blättern der dunklen Domäne werde ich das Gesamtwerk Shakespeares auswendig vortragen.

So langweilig, so unterwürfig diese Stadt – das erzählt mir Beulah. Ach, käme nur ein Unwetter vom Meer, das von Mut und Treue und allen Tugenden der Marine spräche.

Ein Sturm vom Ozean, wild vor Romanzen, so daß alle Glocken, alle Glocken unseres Zeitalters um Mitternacht läuten.

Ja, ja. Laß die Glocken läuten, die Kutschenräder knirschen, die Tanten schlucksen, die Vetter Gelüste hegen, Brautjungfer gegen Brautführer intrigieren, den Bräutigam zappeln, die Braut keusch erröten, die Hochzeitstorte mit Kerzen erstrahlen und das Schwert darüber schweben.

Man sagt, die Eule war eine Bäckers Tochter. Künstler, kannst Du einen Schmerzensschrei malen?

 

4. Ihr verwahrlostes Nest

Der phallische Turm der Hochzeitstorte wird hier konstruiert als ein Leuchtturm, der eigentlich eher Bezug auf Miss Donnithornes Verlobten, einen Marineoffizier, nimmt. 

Der Hafen lag auf ihrem Indigokreuz
mit allen sechs Beinen gen Himmel gestreckt.
Sie griff den Talmimond an,
zerrte ihn in ihre Höhle.

Auf den schrecklichen Küstenfelsen,
verwildert mit Tollkirschen und Efeu,
wo meine Torte erstrahlt guten Mutes
herüber zur Königlichen Marine,
nagen der Käfer und ihre Magd
an ihren gestohlenen Monden,
nagen an ihren Indigomonden.
Sie schmecken nach Blei.

Ein Mond? Muß ein Geschenk vom Krämer sein.
In Indien einst fütterte mich das Kindermädchen mit Mond
vom einem silbernen Löffel.

 

5. Nocturne

6. Ihr Toben

Miss Donnithorne phantasiert hier über eine Vergewaltigung, während weitere militärische und anatomische Bilder aus der Ziffer an der Hochzeitstorte wuchern.

Auf den Stufen meiner Torte
Kaktus zerrt an Scharnieren.
Auf Fensterbrettern meiner Torte
Disteln klingeln auf den Gittern?

Auf dem Übungsplatz meiner Torte
geht nie ein Posten vorbei,
die Wachen starben zu früh
um mich frei zu erleben.

Doch jemand klopft, einer klopft, oder kam’s vom Süden?
Jemand zerschlägt die Riegel mit Händen und dringt in meine
Weiblichkeit vor,
in mich allein, in meine Zelle, zehn Jahre tief in dem Zuckerguß,
kauernd, ein Weib, ängstlich, quietschend und so verlockend.
Und ha, ha, ha auf deine Litzen,
Ho, ho,ho auf deine Knöpfe,
auf das Zeremoniell-Schwert
an dem entenweißen Schenkel:

vor dem Torhaus meiner Torte,
alles eine Wunde voller Rosen,
ist der offene, rote, tiefe Blütenschlund
einer Ratte. Der schließt.

 

7. Rezitativ

Miss Donnithorne schimpft über die Jugendlichen des Ortes, während sie ein mehr als damenhaftes Interesse an ihren Gesprächen zeigt.

An trüben Nachmittagen und in der Dämmerung höre ich auf ihre Stimmen.

Jungs schreien in der Ferne. Sie betreten unbefugt mein Gelände nach Sonnenuntergang und pfeifen und flüstern in meinem Dschungel.

Jungs. Ungeheuer. Herzensbrecher. Lebenslöscher. Ich werde eine Schrotflinte aus London bestellen und ihnen ihre Pflicht beibringen, dort wo sie sich setzen.

Aber hinter den Läden, an meiner offenen, aber angeketteten Tür, höre ich den Stimmen unter den dunkelnden Bäumen zu.

Billy ist unschuldig und Joey ist ein Lump. Joey rief vor meinem Fenster: “Fünfundfünfzig und noch nie ge*****.” Er sagte Billy: “Sie werden verrückt, wenn sie’s nicht kriegen. Sie brauchen’s,” sagte er, “Es hält sie gesund.”

Solche Sache sagen sie, die eine Dame nicht wiederholen dürfte. Und einmal sagte Joey Billy ein Gedicht auf, worüber sie wahnsinnig lachten, an eine Zeile erinnere ich mich:
“Ich habe meinen ******  Bruder ge*****! Sagte der ******aus dem Gebüsch.”

Ungeheuer! Lebenslöscher! Und doch ...
Liebe Jungs. Ich denke, ich werde einen kleinen Jungen adoptieren.
Einen kleinen. Einen Postkapitän. Der Königlichen Marine. Mit einem goldnen Schnurrbart.

 

8. Ihr Taumel

Miss Donnithorne erwartet die Rückkehr ihres Bräutigams und geht schließlich Pirouetten drehend in einer Wolke von Konfetti von der Bühne ab zu ihrer imaginierten Vollziehung der Ehe.

Horch! Seine Stimme! Der Bräutigam ruft aus dem Gemach.
Mein Gebieter, ich komme.
So lange, lange, lange, Liebling, habe ich gelauscht,
Ich dachte nicht, daß Liebe so lange währt.

Gütiger Apollo! Warum sitze ich auf dem Boden?
Wahrhaftig war’s der Sonnenblumenwein.

Sonne und Meer und Glocken, Orangenblüten in meinem Schleier,
die Orange steckte ich auf seinen Finger (“Trag sie immer”, sagte ich)
und seine Epauletten und seine Knöpfe, sein Haar und der Ring.
Alles golden, golden, golden, gold, gold, gold.

Im sicheren Tresor meiner Torte
ist kein Blut auf den Barren.
Es ist Fledermauspisse.
Und die Fledermäuse, die gen Mond hochsteigen,
Brechen sich ihr blödes ver********
Genick an dem Glas.

Ich trage die Fledermaus in meinem Haar. Es bedeutet, sagt man,
eine unglückselige, verheerende Leidenschaft.
Wie das goldene Licht am Ende eines vollkommenen Tages
das Schulmädchen in uns allen erweckt.

Ich komme, ich komme. O Herz, bin dir treu wie du mir.
Ich bin zerbrechlich wie Birnenblüten, die beim Anfassen fallen,
Ich bin eine Jungfrau, O Kavalier,
Ich komme.

Übersetzung von Rosemary Thomas