Zeitgenössische Oper Berlin
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Juni 2002

Der französische Tristan
Stürmt die Kassen des Hebbeltheaters: Die Zeitgenössische Oper spielt „Le Vin Herbé"

Ein Tristan nach dem Tristan? Frank Martin hat ihn geschrieben, 1938 bis 41 in Genf, und naturgemäß hat es dieser französische Tristan im Wagnerland schwer. In Frankreich ist „Le Vin Herbé", der Zaubertrank, ein populäres Werk. In Deutschland, in Berlin jedenfalls, kam es bislang zwar ungefähr alle zehn Jahre zu einer konzertanten Aufführung, viel seltener jedoch zu einer szenischen Produktion. Aber nur in dieser gewinnen die ganz eigenartig arrangierten oratorischen Züge ihre eigentliche musiktheatralische Bedeutung, nur auf der Opernbühne vermag die beispiellose episch-dramatische Konstruktion sich zu entfalten, nur hier bekommt man eine Idee, was für ein Meisterwerk Frank Martins Madrigal - Oper ist.

In achtzehn Bildern erzählen zwölf Menschen die Geschichte von Tristan und Isolde, von der Überfahrt nach Cornwall bis zu beider Tod. Der Fall wird in einem gleichsam öffentlichen Diskurs erinnert, in jener minutiösen Aufschlüsselung aller Motive wie in den mittelalterlichen Vorlagen, und wie dort auch ohne jede psychologisierenden Zutaten. Sechs Frauen und sechs Männer berichten, ohne erkennbare Erzähler-Hierarchie, einander und den Zuhörern. Acht von ihnen verkörpern dabei auch die Figuren der Geschichte, in einigen überlagern sich die Funktionen von Erzähler und Darsteller, das Erzählen gewinnt für Augenblicke eine Doppelbödigkeit, die die Inszenierung auf ganz wunderbare Weise herausarbeitet.

Die Bühne des Hebbel-Theaters ist ein nach drei Seiten bis in die Höhe geschlossener Raum in dunkelbrauner Holztäfelung, der mit minimalen Verwandlungen einen Schiffsraum, ein Versteck im Wald, oder den Küstensaum als Orte der Erzählung zu bezeichnen vermag. Ebenso aber den von der Außenwelt abgeschirmten Ort des Erzählens, das Theater, vielleicht das Foyer eines nicht mehr existierenden Festsaales. So einfach es auch scheint, die Wände und langgestreckten Bänke dieses auratischen Bühnenbildes, das Mirella Weingarten für die Zeitgenössische Oper entworfen hat, sind durch und durch getränkt von gerade dieser Geschichte, selbst von der Farbe der Musik, die spätestens jetzt nicht mehr anders vorgestellt werden kann, als eben jenes rötlich leuchtende Braun.

Konsequenterweise enthält dieser Erzähl- und Erinnerungsraum, der allein im gesungenen Wort das Reale erscheinen läßt, auch so gut wie keine Requisiten, ein kleiner Ring vermag so schon zu traumhafter Überdeutlichkeit zu wachsen. Die Personen wirken in ihrer Festkleidung, obwohl sie sich an das Geschehene erinnern, wie festgebannt in einem Zustand vor der Katastrophe. All das war, all das wird sein - das ist die bezwingende und unter die Haut gehende Botschaft. Ein kleiner, aber entscheidender Widerhaken ist jedoch in diese traumspielartige Zeitenthobenheit eingelassen, ein Einziger hat, leicht derangiert in der Kleidung, tatsächlich etwas hinter sich, und das ist König Marke, der Übriggebliebene, als eigentliche Instanz dieses Erinnerungsprozesses der geheime Fluchtpunkt der aufgesplitterten Perspektiven.

Der Regisseurin Sabrina Holzer gelingt mit ihrer erstaunlich phantasievollen, ebenso strengen wie sensiblen Personenführung das Kunststück, die zwölf Darsteller bei all den epischen Passagen permanent auf der Bühne zu halten und trotzdem nirgendwo Leerlauf entstehen zu lassen. Und dies ohne all jene albernen Überdeutungen und kommentierenden Verrenkungen, die andernorts wohl unvermeidbar wären. Nie verdoppelt die Szene einfach nur das Erzählte, nie sucht sie es rein dogmatisch zu unterlaufen. Wo Bild und Text trotzdem einmal auseinanderdriften, geschieht dies, um den Sinn der Erzählung zu potenzieren, nicht um ihn aufzulösen. Beim Bericht von der Einnahme des Liebestrankes gießt Isolde den Inhalt der Flasche auf den Boden, läßt gleichsam das Metaphorische an der Erzählung versickern, am Fortgang des Geschehens jedoch kann dieses gar nichts ändern.

In einigen Gesangspartien, vor allem der des Tristan, die Hugo Mallet mit kräftigem, aber ziemlich einfarbigem Tenor bewältigte, verlangt Frank Martin von einzelnen Sängern sehr viel. Dennoch ist diese Oper bis hin zum Chorsatz vor allem ein Ensemblestück, und als solche prägt sie sich auch in dieser Inszenierung der Erinnerung ein, sängerisch durchgehend gleich gut besetzt, ebenso profiliert im Einzelnen, wie geschlossen im Ganzen. Obwohl im Orchestergraben weniger Musiker sitzen, als Sänger auf der Bühne stehen, entfacht der Dirigent Rüdiger Bohn die Musik mit dem Sog ihrer Ostinati in wilder Zauberkraft. Martins leuchtende Harmonik, die auch den Dur-Dreiklang wieder mit neuer Sprachfähigkeit erfüllt, wird so hervorragend intoniert, das die Akkordfortschreitungen mit geradezu bildhafter Präsenz den Bühnenraum mit zu besetzen scheinen. Wenn es ein Opernpublikum in dieser Stadt gibt, dann müsste jetzt ein Sturm auf die Kassen des Hebbel-Theaters einsetzen, wo die Zeitgenössische Oper nur noch bis zum 9.Juni ihren französischen Tristan (mit deutschen Übertiteln) spielt.

Martin Wilkening

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