Zeitgenössische Oper Berlin

Versuchung

Oper in einem Akt von Qu Xiao-song
Nach einer traditionellen chinesischen Opernvorlage
Libretto: Wu Lan und Qu Xiao-song - Deutsche Übersetzung: Barbara Mittler

Orte der Handlung:
Reich der Toten, Friedhof, Aufbahrungshalle, Geschichtenerzählerplatz

Zeit: Zeit der Streitenden Reiche (475 - 221 v. Chr.), Gegenwart

Personen:
Zhuang Zhou (der Philosoph Zhuangzi)[1]/Geschichtenerzähler (Bass)
Grabfächernde junge Frau/Zhuangzis Ehefrau, Mme. Tian genannt (Sopran)
Prinz Chu /Geschichtenerzähler (männl. Kunqurolle: xiaosheng, d.h. der junge Mann)
Schamane (männl. Rolle aus der chinesischen Oper mit rotbemaltem Gesicht: Qin-Qiang hongsheng)
König des Reichs der Toten/Begräbnisvorsteher (Dirigent)
Skelette/Begräbnishelfer (Musiker)

Hinweis:
Außer Prinz Chu und dem Schamanen benutzen alle Personen den Sichuan Dialekt

 

Prolog

(Gongs werden leise geschlagen, Zhuang Zhou kommt langsam durch die linke Tür herein. Plötzlich schreien die Musiker laut auf.)

Gruppe von Skeletten: Halt — —
Halt — —
Halt — —
Haltet ein und ruht Euch aus.

Zhuang Zhou:
Stimmt, warum eigentlich nicht ein wenig ausruhen? (setzt sich)
König des Reiches der Toten:
Aber das ist doch Meister Zhuang Zhou, nicht?
Zhuang Zhou:
Ja, der bin ich, Zhuang Zhou.
König des Reiches der Toten:
Mein Herr, Sie kommen ganz unerwartet. Ihr Leben ist doch noch lange nicht verwirkt. Aber umso willkommener sei mir der seltene Gast.
Zhuang Zhou:
(beugt sich zum Gruß ein wenig nach vorn) Darf ich fragen wo ich hier bin? 
Skelette 1, 2, 3, 4:
(mit Skelettmasken, mit lauter Stimme) Das weißt Du nicht? Ins Totenreich bist Du geraten!
König des Reiches der Toten:
(mit scharfer Stimme) Ein bisschen mehr Respekt, bitte!
(Die Skelette halten sich den Mund zu)

Zhuang Zhou:
(beugt sich zum Gruß ein wenig nach vorn in Richtung Skelette) Und wer sind Sie, meine Herren?
Skelett 1 (männlich):
(erhebt sich) Ich bin Li Shimin, ein großer Kaiser der Tang,[2] immer auf der Suche nach Weisen wie Ihnen.
Skelett 2 (männlich):
(erhebt sich) Ich bin Wei Zhi, sein Premierminister,[3] Ihr ergebener Diener.
Skelett 3 (männlich):
(erhebt sich) Ich bin Zhao Ji,[4] ein dichtender Kaiser der Song, und hoffe, mich mit Ihnen über die Kunst austauschen zu können.
Skelett 4 (männlich):
(erhebt sich) Ein Freund aus weiter Ferne, welch’ große Freude, ich bin Li Taibo,[5] ein großer Dichter der Tang. Lassen Sie mich ein Weinchen wärmen und mit Ihnen über den wahren Weg diskutieren. 
Zhuang Zhou:
(zum König des Reiches der Toten) Müssen nicht eigentlich noch mehr als tausend Jahre vergehen, bis diese Gestalten auf ihrem Namensregister erscheinen, verehrter König?
Skelett 1:
Verdammt! Der Mann ist ein Hellseher—und nun haben wir unser Geheimnis ausgeplappert.
Skelette 2,3,4:
Im ewigen Warten auf die Wiedergeburt sind wir einfach ein bisschen zu ungeduldig.
Skelette:
Und doch ist Eure Stunde noch nicht gekommen, sie ist noch nicht gekommen.
König des Reiches der Toten:
(schreit, ungestüm) Zurück auf Eure Plätze!
Skelett 1:
Shun ist an seinem Platz.
Skelett 2:
Yu[6] ist an seinem Platz.
Skelett 3:
Gao Tao
Skelett 4:
Bo Yi
Skelett 3:
Qi
Skelett 4:
Kui[7]
Skelette:
Und die 8 Guten und 8 Weisen,[8] alle sind wieder an ihrem Platz. 
(sie halten sich den Mund zu, Skelett 1, 2,3 und 4 setzen sich) 

Zhuang Zhou:
Grosse, erfolgreiche Männer, das ward Ihr. Und jetzt—nichts als ein Haufen Skelette—nicht zu unterscheiden von ganz gewöhnlichen Menschen.
König des Reiches der Toten:
Sie haben eine Grenze durchbrochen, die Nichtigkeit des Ruhms erkannt. Das ist nicht leicht, mein Herr.
Skelette:
In der Tat, das ist nicht leicht.
König des Reiches der Toten:
Es ist nur ... 
Zhuang Zhou:
Was?
König des Reiches der Toten:
Sie sind noch nicht bereit für die Erleuchtung!
Zhuang Zhou:
Wie wollen Sie das wissen?
Die Skelette:
(flüsternd)
Los — —
Los — —
Los — —
na los, mach den Versuch.
(Die Gongs werden leicht geschlagen, Zhuang Zhou nimmt eine Maske, hält sie sich vors Gesicht, richtet sich ein wenig auf. Plötzlich beginnt er, den Holzblock zu schlagen und rezitiert laut, wie ein Geschichtenerzähler)

Geschichtenerzähler:
Versammeltes Publikum, macht es Euch gemütlich und seid bereit. Unser Geschichte heute ist Die Versuchung. Sie ist noch unter allen möglichen anderen Namen bekannt: Die Blütenhalle,[9] Der Sarg in Splittern, Der Schmetterlingstraum....
König des Reiches der Toten:
Eija, was für ein Schwätzer.
Skelette:
(leise) Nun mach schon, nicht eine Minute länger können wir warten.
Geschichtenerzähler:
Nun gut, aufgepasst, die Geschichte geht jetzt los. (Schlägt einmal den Holzblock, richtet sich auf und geht, zu leichten Gongschlägen, durch die linke Tür langsam raus. Es wird dunkel.)
 

Szene 1 
Fächern am Grab

(vorne links auf der Bühne ein Licht, Zhuang Zhou sitzt auf einem Stuhl)
Zhuang Zhou:
Was für ein merkwürdiger Traum!  (Ein Gongschlag. Zhuang Zhou dreht hastig den Kopf und sieht, hinten rechts auf der Bühne im Licht, eine junge Frau in Trauerkleidung ein Grab (den Tisch) fächern)
Zhuang Zhou:
Wozu fächerst Du das Grab? 
Grabfächernde junge Frau:
Ach, diese Qual — —
Mein Mann ist gerade verstorben, ein Schmerz als würde ich von innen zerrissen. So jung noch und schön wie eine Blume, bin ich zur Witwe geworden, unvergleichliche Pein, wie soll ich sie ertragen? Im Angesicht des Todes aber hat mein Mann gesagt: “Wenn das Begräbnis vorbei und mein Grab getrocknet ist, suche Dir einen neuen Gatten.” 

Zhuang Zhou:
Wozu fächerst Du das Grab?
Grabfächernde junge Frau:
Es verlangt mich so nach Zärtlichkeit, nach der Liebe Glückseligkeit, und so schwinge ich emsig meinen Fächer, das Grab zu trocknen, damit ich bald wieder in die Brautkammer einziehen kann.
Ach, diese Qual — —

Zhuang Zhou:
Solltest Du nicht eigentlich den Weg der Frauen wahren, in keuschem Betragen Dein Leben fristen und warten, bis man Dich preist, fern und nah und Dir als keusche Witwe einen Ehrenbogen errichtet?
Grabfächernde junge Frau:
Kalt und frostig, einsam und elend ist es, alleine im leeren Zimmer zu wachen. Ich grüble Tag für Tag, und brüte Nacht für Nacht: die Einsamkeit ist so schwer zu ertragen. Nur die keuschen Frauen allein wussten von diesen Qualen.  Für einen Ehrenbogen lebten sie, Tag um Jahr, als seien sie mit ihrem Mann gemeinsam begraben worden. Mein Herr, wie schön Ihr seid!
Zhuang Zhou:
Du — —
Grabfächernde junge Frau:
So stattlich, seid Ihr, ja, doch warum so in Eile?
Zhuang Zhou:
Du — — 
Grabfächernde junge Frau:
Wo kommen Sie her? Wo gehen Sie hin?
Zhuang Zhou:
Du — —
Du, junge Frau — — 
(er dreht den Kopf, redet zu sich selbst)
Nein — — 
Nein — — 
Nein, kann es denn sein, dass auf der Welt die Frauen alle so sind wie diese, so gewissenlos, so unstet?

Grabfächernde junge Frau:
Ach, diese Qual — —
Zhuang Zhou:
Schaut mich an, heute: so jung und voller Energie,
und doch werde auch ich eines Tages nichts als ein Haufen morscher Knochen sein.
Ich und meine Frau—ich so weise, sie voller Hingabe—wir mögen ein noch so perfektes Paar abgeben, man weiß trotzdem nie, wie es am Ende kommt. 
Sie — — 
Sie — —
Wäre sie am Ende auch so?!
Ich muss aufhören, aufhören, aufhören!

Grabfächernde junge Frau:
Ach, diese Qual — —
Zhuang Zhou:
Ich will zum Scheine sterben, und meinen Sarg zur Beerdigung nach Hause tragen lassen, da will ich doch mal sehen, ob diese meine weise Frau so ist — — oder nicht — — 
wie diese grabfächernde junge Frau, schamloses Pack!
(Zhuang Zhou dreht sich um, an seinem Hinterkopf die Maske des Geschichtenerzählers, er geht ab)

Szene 2 
Beerdigung

(direkt im Anschluss an die vorangegangene Szene)
Skelette: (mit scharfer Stimme laut rufend)
Los — —

Los — —

Los — —

na los, mach den Versuch.
(Sobald die Musik beginnt, kommt der Schamane durch die rechte Tür herein, mit einem Totenbanner in der Hand, und umkreist in schnellem Schritt die Bühne.)

Schamane:
(mit lauter Stimme) 
Gemächlich,
gemächlich schwebend entfernt sich der Geist aus dem Körper. Wuya — —
Ah Ya Ya Ya Ya Ya Ya Ya 
Oben ist der rote Gimpel, unten die schwarze Schildkröte,
links der grüne Drachen und rechts der weiße Tiger, Brüder!
Begräbnishelfer:
Jawohl!
Schamane:
Schultert den Sarg!
Begräbnishelfer:
Oh!
Schamane:
Ahya!
Begräbnishelfer:
Oh!
Schamane:
Ahya!
Begräbnishelfer:
Oh!
Schamane:
Ahya!
Begräbnishelfer:
Hochheben  — —
(Musik wird dringlich)

Schamane:
Du magst am Körper das Drachengewand getragen und als Herrscher die Welt kontrolliert haben, Du magst Helm und Panzer angelegt und als ein General Macht und Ansehen erlangt haben, Du magst ein unbeschreibliches Dichtertalent gewesen sein, das auf eine Gallone Wein hundert Verse dichten konnte, Du magst unermüdlich gelernt und geübt, ein asketisches Leben geführt und das letzte Ziel fast erreicht haben, doch, pfui, pfui, pfui, wenn Du in meine Hände herabsinkst, bist Du nichts als ein stinkender Fleischbeutel, der in einem morschen Holzsarg schläft — —
Ob alt ob jung, das macht keinen Unterschied, Weise und Tölpel, in ihren Gebeinen sind sie alle gleich.
(Der Schamane schwenkt das Totenbanner und läuft einmal rund um die Bühne) 
Begräbnishelfer: Wulilala, Wulilala. 
Gerade noch hat er von der Braut den Tee empfangen, [engl. hat Die Braut so jung noch und schön wie eine Blume]
Laligulu, Laligulu da scheidet der Bräutigam dahin.

Schamane:
Du magst ....
(Begräbnishelfer murmeln, wie beim Rezitieren einer Liturgie) 

Schamane:
... am Körper das Drachengewand getragen und als Herrscher die Welt kontrolliert haben, Du magst ...
... Helm und Panzer angelegt und als ein General Macht und Ansehen erlangt haben,
Du magst— —
Begräbnishelfer
: ... am Körper das Drachengewand getragen und als Herrscher die Welt kontrolliert haben,
Schamane:
Du magst — —
Begräbnishelfer:
... Helm und Panzer angelegt und als ein General Macht und Ansehen erlangt haben,
Schamane:
Du magst ein unbeschreibliches Dichtertalent gewesen sein, das auf eine Gallone Wein hundert Verse dichten konnte, Du magst unermüdlich gelernt und geübt, ein asketisches Leben geführt und das letzte Ziel fast erreicht haben, ganz am Ende aber (wirst Du gehen, splitternackt, so wie Du gekommen bist), dünn, nackt, dünn, eingetrocknet, kalt, eingetrocknet, ein Durcheinander ist das, ein aufgeregtes Kommen und Gehen.
Schamane und Begräbnishelfer:
Du — — 
Begräbnishelfer:
...kannst nichts mitnehmen aus dieser Welt, nicht
Schamane:
... die Kaiserroben.
Begräbnishelfer:
[(schreiend)] Du kannst nicht mitnehmen 
Schamane
[(schreiend)] ... Macht und Ansehen.
Begräbnishelfer:
[(schreiend)] Du kannst nicht mitnehmen
Schamane:
[(schreiend)] ... Dein unbeschreibliches Talent.
Begräbnishelfer
[(schreiend)] Du kannst nicht mitnehmen
Schamane
[(schreiend)] ... Deinen Harem und Deine Paläste
Begräbnishelfer:
[(schreiend)] Und Du kannst auch nicht mitnehmen, nein,— —
Schamane:
...selbst die geringsten Dinge, wie Vasen und Krüge, Öl und Salz, Sojasauce, Essig, Hühner, Enten, Schweine, Lämmer, Pferde, Ochsen, Katzen und Hunde. 
Begräbnishelfer:
[(schreiend)] Los! Los! Los!
Schamane:
(mit lauter Stimme) Den Sarg, die Papiermenschen und die Papierpferde
Begräbnisvorsteher:
... verbrennt sie sauber!
Schamane:
Nur die Asche, der Rauch hängen noch in der Luft, gemächlich schwebend.
Begräbnishelfer:
Ai — — bedauernswert, bedauernswert, bedauernswert, bedauernswert.
(geheimnisvolle Musik)

Schamane:
Wandernder Geist — — wende Dich nicht nach Osten
wo weiße Wolken gemächlich treiben und kein Regen fällt
Wandernder Geist — — wende Dich nicht nach Westen,
wo bunte Wolken schweben und es in Strömen gießt.
Wandernder Geist — — wende Dich nicht nach Süden
wo schwarze Wolken sich zusammenballen und Platzregen prasselt.
Wandernder Geist — — wende Dich nicht nach Norden
Wo es lange Zeit gar keinen Regen gibt.

Begräbnishelfer:
Haltet ein, haltet ein, haltet ein.
Schamane:
Haltet ein, bis Ihr wiedergeboren werdet (als)
Begräbnishelfer:
(jeweils einer ein Wort): 
ein Mensch
ein Pferd
ein Ochse
ein Schaf
ein Schwein
ein Hund
eine Katze
eine Krabbe

Begräbnishelfer:
(zusammen) ein Wurm — — oder was immer, xilihuala xilihuala.
Begräbnisvorsteher:
Keine Eile, keine Eile, Ihr habt Zeit.
Schamane:
Halt — —
Begräbnishelfer:
Haltet ein und ruht Euch aus. 
(Begräbnishelfer murmeln, wie beim Rezitieren einer Liturgie) 

Schamane:
[leise]: Links ist der grüne Drache, rechts der weiße Tiger,
oben der rote Gimpel und unten die schwarze Schildkröte. Brüder!

Begräbnishelfer
[leise]: Jawohl! 
Schamane:
Lasst den Sarg herunter!
Begräbnishelfer: Herunterlassen — —
(Der Schamane schwenkt das Totenbanner einmal im Kreis, als Teil des Rituals) 

Schamane:
Entzündet das Feuer — —
(Begräbnishelfer intonieren eine Liturgie)

Schamane:
Verbrennt Papierpferde, damit er etwas hat, auf dem er reiten kann auf dem Weg in die Unterwelt — — 
Begräbnishelfer:
...  und nicht zu sehr ermüdet.
Schamane:
Verbrennt Papiermenschen, damit er Begleitung hat im Jenseits — — 
Begräbnishelfer:
... und nicht traurig wird.
Schamane:
Verbrennt Papiergeld, damit alle Geister reich und bekannt werden.
Begräbnishelfer:
... damit sie reich und bekannt werden, reich und bekannt.
(Der Schamane zählt, als Teil des Rituals, etwas an seinen Fingern ab. Die Begräbnishelfer fahren fort, die Liturgie zu intonieren)

Schamane:
Das Element Holz ist im Osten, Feuer im Süden, 
Metall im Westen und Wasser im Norden.
Aija, — —
keine der Korrelationen passt zu dem Toten, doch unter den fünf Elementen ist eines noch unvergeben: die Erde, im Zentrum.

Begräbnishelfer:
Was ist also zu tun?
Schamane:
Das Wohnzimmer soll die Aufbahrungshalle werden, dort ist es angenehm kühl und schattig.
Begräbnisvorsteher:
Für dieses Spiel mit Illusionen, durchaus behaglich.
(Die Musik wird langsamer und brüchiger. Einer der Begräbnishelfer erhebt sich, hilft dem Schamanen den Tisch in die Mitte der Bühne zu rücken und stellt außerdem die beiden Stühle rechts und links davon auf. Die beiden führen gemeinsam eine Verbeugung in Richtung des Holztisches aus. Danach geht der Begräbnishelfer langsam zurück an seinen Platz.)

Schamane:
Brüder!
Begräbnishelfer:
Jawohl!
Schamane:
Die Arbeit ist getan.
Begräbnishelfer:
Na, dann lasst uns nach Hause gehen.
Schamane:
Los geht’s — —
(Alle intonieren eine Liturgie. Der Schamane schwenkt langsam das Totenbanner, macht eine ganze Runde und geht dann hinten durch die rechte Tür ab. Das Licht wird allmählich dunkler.)

 

Szene 3 
Totenwache

(Düsteres Licht. Die Szenerie wirkt fantastisch und unwirklich. Mme Tian, in Trauerkleidung, schwebt in Trippelschritten herein. Sie fällt in einen Stuhl. Für einen Moment sitzt sie mit leerem Blick da, dann kommt sie langsam zu sich).
Mme. Tian:
Wie betrübt ich doch bin,
ich Bedauernswerte, die ich Tag und Nacht immer nur an die Rückkehr meines Mannes gedacht habe.
Und heute, wie hätte man das ahnen können, da wache ich hier, alleine, an seinem Sarg in der Aufbahrungshalle. 
Nie werde ich die Zärtlichkeit und Einigkeit, die ich mit meinem Mann hatte, vergessen können.
Mein Mann ist gerade verstorben: es ist ein Schmerz als würde ich von innen in kleinste Stücke zerrissen.
Ich … …Ich sollte es tun, 
sollte den Weg der Frauen wahren und in keuschem Betragen mein Leben fristen
und warten, warten auf den Tag,
an dem ich im Reich der Dunkelheit meinen Ehemann in Liebe wiedertreffe.
Mein Mann und Gebieter, ach — —mein Gebieter!
Du musst sie kennen … …

Du musst sie kennen, meine zärtlichen Gefühle, meine süßen Gedanken
meine süßen Gedanken, meine zärtlichen Gefühle: sie warten sehnsüchtig, 
ja, verlangen so danach, dass Du … …

verlangen so danach, dass Du, der Du doch um diese Gefühle weißt, zurückkehrst… zurückkehrst…,
zurückkehrst… …  (es scheint, als sei ihr Geist entflogen)
(Zhuang Zhou erscheint gerade erkennbar im Dunkel)

Zhuang Zhou:
(mit extrem leiser Stimme) Bemitleidenswert diese Gefühle und bewundernswert echt. Aber halt: wartet bis ich mich in Prinz Chu verwandelt habe und sie versuche. 
(Mme. Tian und Zhuangzi verschwinden immer mehr im Dunkel)

 

Szene 4 
Versuchung

(Prinz Chu tritt abrupt und unter lautem Gezeter durch die rechte Tür auf.)
Prinz Chu:
Ai yayayayaya. Mein Meister, ach — — mein Meister, wieso musstest Ihr so unerwartet von uns gehen? ! (tut erstaunt, als er Mme. Tian sieht).
Achje — —Darf ich fragen, sind Sie des Meisters Frau?
(Mme. Tian reagiert nicht)

Prinz Chu:
Ich Unbedeutender, ich bin Prinz Chu, ein Schüler des Meisters.
Mme. Tian:
Oh ... ... 
Prinz Chu:
In größter Aufregung bin ich hierher geeilt, auf Befehl meines Vaters des Königs, der den Meister zu einem seiner höchsten Beamten machen wollte.
Bestürzt, ja wie vom Blitz getroffen war ich, als ich erfuhr, dass mein Meister—so jung noch—aus dieser Welt schied.
So sehr hatte es mich danach verlangt, noch einmal die Lehren meines Meisters zu empfangen.
Wie furchtbar, dass mir nun nichts mehr bleibt, als ihm in der Aufbahrungshalle meine Reverenz zu erweisen und ein Räucherstäbchen zu verbrennen.
(verbeugt sich vor dem Toten, dreht sich zu Mme. Tian um)
Frau des Meisters, bitte setzen Sie sich, und lassen Sie mich Ihnen meine Ehrerbietung erweisen.
(Prinz Chu verbeugt sich vor Mme. Tian. Sie reagiert nicht) 

Prinz Chu:
Frau des Meisters — —

Frau des Meisters, bitte, Sie müssen Ihre Trauer ein wenig zügeln.
(Mme. Tian reagiert immer noch nicht)

Prinz Chu:

Das menschliche Leben ist unstet, der Tod ist wie das Auslöschen des Lichtes.
Als mein Meister noch am Leben war, hat er uns oft gelehrt, 
dass man Ruhm und Reichtum nicht mit ins Leben bringen kann,

und Erfolg und Pfründe auch nicht in den Tod nehmen kann.

Im Leben dient die Frau dem Mann und der Beamte dem Herrscher; die Vögel finden auf der Jagd nach Fressen ihr Ende, Menschen kommen in ihrem Streben nach Vermögen zu Schaden. Bei all den Mühen des Erfolgs, den Sorgen um das Glück: Wo bleibt da überhaupt noch die Freude am Leben? 
Im Tod gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, keine Rangordnung zwischen Beamten und Herrschern; keine immerwährenden Sorgen, keine Versuchungen. Das Hochgefühl, das mein Meister empfand, als er sich in den Tod begab, können wir es kennen? — —

Mme. Tian:
Oh ... ...
Prinz Chu:
Ich habe nicht gewusst, dass Madame noch so jung sind. 
In Ihrem Alter haben Sie noch viel vom Leben zu erwarten.
(Die Musik beginnt leise, Prinz Chu singt noch leiser)
Wenn man daran denkt, mit welch’ süßen Gedanken, mit welch’ zärtlichen Gefühlen Sie immer sehnsüchtig auf die Rückkehr Ihres Mannes gewartet haben, 
wie unerwartet kommt dann diese donnergrollende Stimme der Trauer.
Unglück ist mit Glück verbunden, im Glück ist oft Unglück verborgen, Unglück und Glück, Trauer und Freude, sie folgen ureigentlich aufeinander.
Kommt, kommt, kommt — — 
Frau des Meisters, bitte, Sie müssen Ihre Trauer ein wenig zügeln.

Mme. Tian:
Vielen Dank, werter Herr, für Ihr Mitgefühl.
Prinz Chu:
Schönheit zu lieben und Jade zu schätzen, ist des Edelmanns Natur.
Mme. Tian:
Sie — —

Prinz Chu:
Wo Leben ist, muss es Tod geben,
Wo Tod ist, da gibt es auch wieder Leben.
und auch aus der sterbenden Asche kann es immer wieder auflodern,
umso mehr in Anbetracht Ihrer entzückenden Jugendlichkeit, Frau des Meisters! 

Mme. Tian:
Der Leichnam meines Meisters ist noch nicht kalt, ich muss Sie, werter Herr, doch um etwas mehr Respekt bitten.
Prinz Chu:
Madame haben mich missverstanden. Wer auch nur einen Tag mein Lehrer ist, ist mir wie ein Vater, ein Leben lang. Als Schüler sollte man mindestens so pietätvoll sein wie ein richtiger Sohn.
Mme. Tian:
Ich habe Ihnen Unrecht getan, werter Herr, ich hoffe nur, Sie entschuldigen. (macht eine tiefe Verbeugung zu Prinz Chu)  
(Prinz Chu streckt die Hand aus, um Mme. Tian zu stützen. Sie weicht aus)

Prinz Chu:
O weh!
Der Meister ist fort, gemächlich schwingt das Totenbanner, das Licht in der einsamen Halle ist dämmrig.
Welch ein Schmerz um den Tod des Meisters, ach, welch ein Schmerz!
Und der Kummer seiner Frau: einsam und elend, wie eine Blüte im Frost, wie eine Kerze im Wind.
Dieser Schmerz, ich könnte sterben vor Schmerz!

Mme. Tian:
Ach, diese Qual — —

Prinz Chu:
Die Zeit ist gnadenlos, wie Wasser fließen die Jahre vorbei,
Die schöne Jugendzeit, einmal vergeudet, kommt nie wieder.
Ich wünschte, Ihr Regen, ihr Tau zu sein, Ihr liebender Helfer,[10]
um Ihre Einsamkeit und Ihren Schmerz zu lindern!

Mme. Tian:
Mein Mann ist gerade verstorben. Sein Sarg ist noch in der Aufbahrungshalle.....
Prinz Chu:
Ich weiß.
Mme. Tian:
Ich sollte den Weg der Frauen wahren und in keuschem Betragen ....
Prinz Chu
(nähert sich langsam Mme. Tian) Ich weiß, ich weiß.
Mme. Tian:
Ich sollte ...
Prinz Chu:
Wenn die Blume sich nicht selbst bemitleidet, wird ein Mensch es tun.
Und wenn kein Mensch es tut, ja dann wird der Himmel es tun!
Junge Frau, der Schmerz ist zuviel für sie, ich will Sie in die hintere Halle bringen, damit Sie sich ein wenig ausruhen können. (Zu weicher, langsamer Musik, erhebt sich Mme. Tian. Prinz Chu hält sie leicht an der Hüfte, sie gehen wie die Schlafwandler)

Mme. Tian:
(flüstert) Prinz ... ...
Prinz Chu:
Junge Frau, bitte langsam,
wenn die Trauer vorbei und das Herz ruhiger geworden ist, dann kommt auch wieder Freude auf.

Mme. Tian:
Jahre der Liebe und Leidenschaft,
ein perfektes Paar waren wir, tief wie das Meer unsere Liebe. 
Ich sollte wirklich den Weg der Frauen wahren, in keuschem Betragen mein Leben fristen und warten, bis man mich überall preist und mir als keuscher Witwe einen Ehrenbogen errichtet.

Prinz Chu:
Kalt und still, einsam und elend ist es, alleine im leeren Zimmer zu wachen.
Tag für Tag zu grübeln, Nacht für Nacht zu brüten: die Einsamkeit ist so schwer zu ertragen.
In der Vergangenheit wussten die keuschen Frauen, wenn sie diese Qualen zu ertragen hatten,
dass es für einen Ehrenbogen war, dass sie sich Tag um Jahr genau so verhielten, als seien sie mit dem Toten zusammen begraben worden. Bewundernswert der Meister, der entschwebte zu den himmlischen Wesen, 
denn im Traum bat er mich, mich um Sie zu kümmern. 

Mme. Tian:
Ist mein Gebieter Euch tatsächlich im Traum erschienen und bat Euch.... … …?
Prinz Chu:
Ihr Gebieter, das bin ich. Ich, das ist Ihr Gebieter.
Mme. Tian:
(mit weicher Stimme und kaum vernehmbaren Worten)
Wer hätte gedacht, daß der Himmel mir so gewogen sein würde, dass er mir so gewogen sein würde!

Prinz Chu:
Junge Frau — —

Mme. Tian:
Eben noch war ich wie ein einsamer Kahn, der völlig verlassen umhertrieb,
Prinz Chu:
... von nun an aber werden wir gemeinsam ein neues Leben voller Zärtlichkeit verbringen.
(Mme. Tian mustert Prinz Chu, mit verliebtem Blick.)

Mme. Tian:
(mit weicher Stimme und kaum vernehmbaren Worten) Prinz Chu, ist so stattlich, einfach umwerfend!
Prinz Chu:
(weich und geschmeidig): Diese schöne junge Frau! Sie ist so schön wie eine Fee.
Mme. Tian:
(flüstert leise) Wer hätte gedacht, dass der Himmel mir so gewogen sein würde, 
daß er mir so gewogen sein würde!

Prinz Chu:
Junge Frau — —

Mme. Tian:
Nur für den, den sie liebt, macht die Frau sich schön. 
Ich will gehen, mich zu frisieren und umzuziehen.
(Mme. Tian drückt leicht Prinz Chus Arm weg, macht einen verschämten Eindruck, bedeckt das Gesicht und geht, wie schwebend, ab.)
(Bei weicher Musik tritt Zhuang Zhou durch die linke Tür auf. Er und Prinz Chu gehen, jeder für sich, zur Vorderseite der Bühne, einer links, einer rechts)
Zhuang Zhou (mit extrem leiser Stimme): 
Mein liebster Mann und Gebieter,
Du mußt sie kennen, meine zärtlichen Gefühle, meine süßen Gedanken
meine süßen Gedanken, meine zärtlichen Gefühle.
Ich wünschte ...  
Prinz Chu: Die Frauen sind wie das Wasser,
zu fliessen ist ihre Natur. 
Klar und weich sind sie, von Natur aus.
Zhuang Zhou: Wenn der Himmel Gefühle hätte, würde auch der Himmel alt werden. 
Das menschliche Leben ist unstet wie die Gefühle.
Doch genug! Laß die Dinge einfach ihren natürlichen Gang gehen. 
(Prinz Chu fällt plötzlich zu Boden. Zhuang Zhou, ein wenig erstaunt, dreht sich langsam um)

Szene 5 
Den Sarg aufbrechen

(Die Musik ist sehr drängend. Prinz Chu jammert mit lauter Stimme) 
Prinz Chu:
Aua — —

Aua — —

Aua — —

Hilfe! Hilfe!
Es schmerzt!
Es schmerzt!
Es schmerzt!
Es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, der Schmerz bringt mich um.
(Mme Tian kommt eilig, mit offenem Haar, herein)

Mme. Tian:
Was ist passiert? Was ist passiert? Mein Prinz, was ist denn mit Ihnen los? 
Prinz Chu:
Meine alte Krankheit ist wieder ausgebrochen, meine alte Krankheit ist wieder ausgebrochen. Mein Kopf schmerzt so, als wolle er zerplatzen. Es schmerzt—

Aua—

Mme. Tian:
Was kann man denn bloß tun? Was soll man tun? 
Was kann man denn bloß tun? Was soll man tun? 

Prinz Chu:
Yayayayayayayaya
Mme. Tian:
Was kann man denn bloß tun?
Prinz Chu:
Aua—

Mme. Tian:
Prinz — —

Prinz Chu:
Aua — — 
Mme. Tian:
Prinz — — 
Prinz Chu:
Es schmerzt
Mme. Tian:
Prinz — — 
Prinz Chu:
Es schmerzt
Mme. Tian:
Prinz — — 
Prinz Chu:
Es schmerzt
Mme. Tian:
Prinz — — 
Prinz Chu:
Es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, 
es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, Ah—

Mme. Tian:
Was kann man denn bloß tun? Was kann man denn bloß tun?
Prinz Chu:
Aua—

...
[Nur....] Es gibt nur ein Mittel … …

Mme. Tian:
Was? Was? Was? Was? Was?
Prinz Chu:
Es gibt nur ein Mittel … …

Mme. Tian:
Was? Was? Was? Was? Was?
Prinz Chu:
Es gibt nur ein Mittel … …

Mme. Tian:
Was? Was? Was? Was? Was?
Prinz Chu:
Einen Sud aus menschlichem Hirn machen, ein menschliches Hirn zu Sud machen.
Mme.Tian:
Was?! Was?! Was?!
Prinz Chu:
Ein menschliches Hirn.
Mme. Tian:
Ein Sud aus menschlichem Hirn? !
Prinz Chu:
Ja — —.
Mme. Tian:
Himmel, nein — —

Prinz Chu:
Es gibt nur ein Mittel, es gibt nur dieses Mittel!
Es schmerzt! Es schmerzt!
Es schmerzt! Es schmerzt! Es schmerzt! Es schmerzt!

Mme. Tian:
Prinz — —

Prinz Chu:
Es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, 
es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt!

Mme. Tian:
Wo gibt es menschliches Hirn? Wie kriegt man menschliches Hirn?!
Wo gibt es menschliches Hirn? Wie kriegt man menschliches Hirn?!
Wie kriegt man menschliches Hirn?!! Wie kriegt man menschliches Hirn?!!!

Prinz Chu:
Der frisch Verstorbene im Sarg. Aua.
Mme. Tian:
Der frisch Verstorbene im Sarg?!
Prinz Chu:
Der frisch Verstorbene im Sarg.
Mme. Tian:
Der frisch Verstorbene im Sarg?!
Prinz Chu:
Der frisch Verstorbene im Sarg.
Mme. Tian:
Der frisch Verstorbene im Sarg?!!
Prinz Chu:
Genau!
Mme. Tian:
Mein früherer Mann? Mein früherer Mann?! Der frisch Verstorbene im Sarg, mein früherer Mann?
Prinz Chu:
Genau, genau, genau! 
Mme. Tian:
Mein früherer Mann? !!! (hält sich nervös mit der Hand den Mund zu)]
Prinz Chu:
Genau er, der tote Zhuang Zhou, tote Zhuang Zhou, tote Zhuang Zhou!
Mme. Tian:
Schwer? Schwer? Schwer? Schwer?
Schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer?!

Chu Wangsun:
Es schmerzt! Es schmerzt! Es schmerzt! Es schmerzt!]
Es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt, es schmerzt,
Es schmerzt es schmerzt es schmerzt es schmerzt es schmerzt es schmerzt es schmerzt es schmerzt!

Mme. Tian:
Schwer! Schwer! Schwer! Schwer!
Schwer, schwer, schwer, schwer, 
Schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer, schwer!

Musiker:
Der Schmerz—der Schmerz wird ihn töten!
Mme. Tian:
Was ist denn jetzt richtig?
Musiker:
Den Sarg zerhacken!
Mme. Tian:
Was soll man denn bloß tun?
Musiker:
Den Sarg aufbrechen! 
Mme. Tian:
Was ist denn jetzt richtig?
Musiker:
Den Sarg zerhacken!
Mme. Tian:
Was soll man denn bloß tun?
Musiker:
Den Sarg aufbrechen! Ihn zerhacken und öffnen!
Mme. Tian/ Prinz Chu:
Ich — —

Musiker:
Ihn aufbrechen und öffnen!
Mme. Tian/ Prinz Chu:
Ich — —

Musiker:
Ihn zerhacken und öffnen!
Mme. Tian/ Prinz Chu:
Ich — —

Musiker:
Ihn aufbrechen und öffnen!
Mme. Tian/ Prinz Chu:
Ich — —

Musiker:
Oh—

Prinz Chu:
Ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe.
Der Schmerz — —bringt — — mich — — um — — 
Musiker: Den neuen Geliebten zu retten, zögere nicht, zögere nicht!
Mme. Tian:
Hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken
hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken, hacken

Musiker:
Hacken, ja!
(Prinz Chu kriecht mühsam zur rechten Tür, rückwärts geht er hindurch. Die Musiker schreien. Mme. Tian, die sich zunächst wie verrückt gedreht hat, stürmt nun, wie von Sinnen, eilig in die rechte Tür hinein, dann stürmt sie durch die linke Tür wieder hinaus. In der Hand hält sie eine Axt. Sie rennt zum Tisch, und mit dem Rücken zum Publikum hackt sie mit aller Gewalt darauf ein. Die Musik hört abrupt auf. In der Stille dreht Mme. Tian langsam ihren Kopf, erstarrt und bewegt sich nicht mehr: an ihrem Gesicht trägt sie die Maske des Geschichtenerzählers.)

 

Szene 6 
Epilog

(direkt im Anschluss an die vorangegangene Szene)
(Gongs werden leise geschlagen, Zhuang Zhou und Prinz Chu kommen langsam, der eine aus der linken, der andere aus der rechten Türe; dicht hinter Prinz Chu kommt der Schamane, mit dem Totenbanner in der Hand. Nachdem sie die Bühne betreten haben, schreitet der Schamane quer nach links, bis er hinter Mme. Tianshi zu stehen kommt; Zhuang Zhou und Prinz Chu laufen zum vorderen Ende der Bühne, der eine links, der andere rechts.)  

Skelette:
Oh — — Wu — —,
Oh — — Wu — —,

Wu — — Wu — —

Oh — —

König des Reiches der Toten:
Mein Herr, da sind Sie ja wieder—Sie sind es doch immer noch, Meister Zhuang Zhou, oder nicht?
Zhuang Zhou, Prinz Chu:
Ich bin nicht Zhuang Zhou und doch bin ich Zhuang Zhou.
Skelette:
Was für ein glückliches Zusammentreffen, was für ein glückliches Zusammentreffen.
Zhuang Zhou:
Und wer sind Sie, werte Herren?
Schamane:
Wandernder Geist — — wende Dich nicht nach Osten,
Skelett 7 (weiblich):
Ich schwinge langsam meinen Fächer, um das Grab zu trocknen. Ich grüble Tag für Tag, und brüte Nacht für Nacht: wenn ich doch nur wieder einen neuen Gatten hätte.
(Mme. Tian macht eine Verbeugung auf Zhuang Zhou)

Schamane:

... wo weiße Wolken gemächlich treiben, kein Regen fällt. 

Skelett 8 (weiblich):
Auf Leid folgt Freude, und wenn der Kummer am ärgsten war, kommt Glück auf uns herab.
Schamane:
Wandernder Geist —

Skelett 8 (weiblich):

Endlich kann ich heute zurückkehren zu der gewohnten Wärme und Zärtlichkeit mit meinem Gebieter.
(Mme. Tian setzt ihre Hand auf die Hüften, und führt jeweils eine ganz leichte Verbeugung auf Zhuang Zhou und Prinz Chu aus)

Schamane:
... wende Dich nicht nach Westen,
wo bunte Wolken schweben und es in Strömen gießt.

Skelett 5 (männlich):
Ich Zhuang Zhou und Sie, Zhuang Zhou, wir haben einander schon lange vergessen gehabt. Und doch wollen wir heute Hand in Hand vom Wasser hochschnellen und hoch bis in den Himmel fliegen.
(Prinz Chu macht eine Verbeugung zu Zhuang Zhou) 

Zhuang Zhou:
Oh, wie betrübt ich doch bin: was für ein merkwürdiger Traum! 
Schamane:
Wandernder Geist — —

... wende Dich nicht nach Süden
wo schwarze Wolken sich zusammenballen und Platzregen prasselt.

Zhuang Zhou:
Der Traum ist das Erwachen, das Erwachen ist der Traum, und es ist schwierig zu erwachen, wenn ein Traum dem nächsten folgt.
Prinz Chu:
Das Leben ist der Tod, der Tod ist das Leben, Leben und Tod hängen eng miteinander zusammen.
Schamane/Prinz Chu:
Du — —

Zhuang Zhou:
Werte Herren, Sie haben alle einmal gelebt, jeder auf seine Art. Aber heute, wo Ihr ein Haufen Skelette seid, bist Du ich, und ich bin er. 
Schamane/Prinz Chu:
Keiner ist nur mehr ein gewöhnlicher Mensch, keiner ein Heiliger. 
König des Reiches der Toten:
Mein Herr, Sie haben schon wieder eine Grenze durchbrochen (nämlich die der Nichtigkeit von Liebe und Leben). Das ist nicht leicht.
Skelette:
(mit leiser Stimme): Das ist nicht leicht, nicht leicht. 
König des Reiches der Toten:
Es ist nur ... 
Zhuang Zhou:
Was?
König des Reiches der Toten:
Sind Sie bereit für die Erleuchtung?
Schamane:
Wandernder Geist — —

Zhuang Zhou/Prince Chu:
Bereit sein ist nicht bereit sein, nicht bereit sein ist bereit sein.
Schamane:
... wende Dich nicht nach Norden
Wo es lange Zeit gar keinen Regen gibt.
(Zhuang Zhou und Prinz Chun heben langsam die Masken des Geschichtenerzählers und bewegen Sie langsam vor ihren Gesichtern hin und her, so dass ihre Gesichter einmal sichtbar sind, einmal nicht. Danach heben sie gemeinsam mit Mme. Tian die Holzblöcke und schlagen sie gleichzeitig).

Zhuang Zhou:
Macht es Euch gemütlich und seid bereit,
Zhuang Zhou, Prinz Chu, Mme.Tian:
... unsere Geschichte heute ist...
Schamane, König des Reiches der Toten, Skelette:
(mit leiser Stimme) Halt — —

Halt — —

Halt — —

Haltet ein und ruht Euch aus.
(Das Licht wird ausgelöscht).

Ende des Stücks

© Peer Music Hamburg

[1]Zhuang Zhou (369-286) wird respektvoll “Meister Zhuang” (Zhuangzi) genannt. Er ist ein wichtiger Philosoph der daoistischen Schule aus der Zeit der Streitenden Reiche.

[2]Li Shimin (599-649), Tang-zeitlicher Kaiser (Taizong).

[3]Wei Zhi (580-643), Politiker am Anfang der Tang. 

[4]Zhao Ji (1082-1135) Kaiser Huizong, ein grosser Dichter und Maler der nördlichen Song.

[5]Li Bo (701-162) Tang Dichter, mit Beinamen Taibo und dem Künstlernamen  “Hermit des reinen Lotus”.

[6]Yushun Zhonghua ist der Name des Kaisers Shun. Wenming Xiayu ist der Name des Kasiers Yu (der Dynastie Xia, beide 23. Jhdt. v. Chr.). Yao (Vorgänger von Shun), Shun und Yu werden der Legende nach, als besonders volksnahe Kaiser dargestellt.

[7]Gao Tao, Bo Yi, Qi, Kui und Yu waren wichtige Beamte des Shun. Gao Tao war für Strafe und Justiz zuständig (die Gesetze wurden unparteiisch vollstreckt), Bo Yi war für Riten und Etikette zuständig (diejenigen oben und unten in der Hierarchie liessen einander höflich den Vorrang), Qi war Bildungsminister (das Volk war innig verbunden und friedlich), Kui war für Musik und Dichtung zuständig (Menschen und Götter waren fröhlich); Yu wurde Kaiser mit der Abdankung Shuns. 

[8]Diese waren Weise aus dem Volk. Sie genossen Kaiser Shuns Wertschätzung.

[9]Nanhua (südliche Blüte) ist der tangzeitliche Name für Zhuangzis Heimatstadt und wird seit 742 offiziell für Zhuangzis Werk benutzt.

[10]Im Chinesischen wäre dies eine sexuelle Anspielung!

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