Zeitgenössische Oper Berlin
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Bühne von Mirella Weingarten - Foto: Iko Freese
Tragödia – der unsichtbare Raum (1996/97)

 

Der Raum im Musiktheater wird traditionell durch das Bühnenbild oder die Interaktion der Darsteller auf der Bühne bestimmt. In Adriana Hölszkys Musiktheater wird der visuell wahrnehmbare Raum durch fokussierte, konstruierte musiktheatralische Räume ersetzt, die in der musikalischen Komposition hervorgebracht und entwickelt werden.

Das Theatralische, das traditionell durch die Interaktion der Figuren wie Sänger oder Schauspieler und deren Texte vorgegeben ist, wird hier durch Gesten, Gefühle und formulierende Kräfte aus dem Klang selbst in der Musik transportiert. Durch die Andeutung und den Entzug, die Konkretisierung und Entfremdung von Klängen wird die Präsenz des Abwesenden und der Wechsel zwischen Vertrautem und Fremden suggeriert, wodurch der Hörer in die Unruhe einer ständigen Erwartung versetzt wird, die sich nicht erfüllt.

Der Text von Thomas Körner, der dem kompositorischen Vorgang voranging, erscheint in diesem Sinne nicht äußerlich, sondern dringt als Zeitgliederung – als strukturbildendes Raster in die Musik ein und dient so als Zeitgerüst. Eine Auseinandersetzung mit den Eigenschaften des Tragischen findet in der Komposition unabhängig von dem Inhalt des Textes statt. Das Resultat ist nicht eine Programm-Musik, sondern ein Werk Musiktheater, in dem tragische Unterbrechungen und bedrohlich entwickelte Klangkomplexe in sich, autonom und unabhängig dem Zuhörer theatralische Klangräume suggerieren. Es sind Verschachtelungen von zyklischen, regelmäßig auftretenden Klangräumen, die hier zum Konstruktionsprinzip gemacht werden.

In diesen musikalischen, beweglichen Architekturen begegnet der Zuhörer immer fremder werdenden Klang-Figuren und -Requisiten, die durch ihre Materialität und Konkretion, kompositorisch verarbeitet mit filmischen Mitteln wie kalten Schnitten, Zeitüberlagerungen und Zeitinfiltrationen Gefühle, Gesten und Zustände transportieren, die sonst den Darstellern auf der Bühne zugewiesen sind.

Umsomehr trägt die Komposition die Spirale der extremen Klangsituationen in einem fremd und überraschend wirkendem Wirbel der Zeit. So wird der Zuhörer in diesem irrealen schwindelerregenden akustischen Kontext zum Protagonisten seiner eigenen Geschichte auf der Bühne seiner eigenen Phantasie, indem die Klänge in seinem Inneren assoziativ Theater als Ort der Unmöglichkeiten erzeugen.

Durch den Zuschauerraum hindurch bewegt sich das Publikum aus seiner üblichen Betrachterposition auf die Ebene des traditionellen Bühnenraumes. Der Zuhörer nimmt den Platz des Darstellers auf der Bühne ein. Seine Funktion als Hörer ist überlagert mit seiner Funktion als Konfliktträger der imaginären Geschichte. Mit dieser Doppelrolle gerät er in ein Spannungsfeld von Nähe und Distanz.

Durch die Veränderung seiner Haltung aus der Horizontalen in die Vertikale entsteht eine Ausrichtung vom äußeren zum inneren Raum, vom Sehen zum hörenden Assoziieren.

Das sonst betrachtende Subjekt wird selbst zum Objekt des Musiktheaters, das in einer konstruierten Dunkelheit vor dem dominanten Sinn des Auges geschützt ist. Durch die Verdunkelung wird der innere Raum des Hörers beleuchtet, wie sonst der äußere Raum durch den Einsatz des Scheinwerfers.

Die Auseinandersetzung mit den Eigenschaften des Tragischen findet auf konkret räumlicher Ebene statt, indem der isolierte Einzelne unter Entzug seiner Orientierung im Außenraum auf sich selbst im Erleben der Gleichzeitigkeit von Subjekt und Objekt zurückgeworfen wird.

Veränderung der Assoziationsfähigkeit durch den Wechsel der Körperhaltung

Der Lagewechsel des Körpers vom Stehen (Vertikale) ins Liegen (Horizontale) setzt einen Teil der neuronalen Einflüsse herab, die für das wache Bewußtsein verantwortlich sind.

Mit der Entspannung nehmen die neuronalen Impulse des statischen motorischen Systems auf das retikuläre, die Wachheit regulierende System ab.

Durch den Lagewechsel und die Vigilanzänderung wird auch die Verschiebung von einer externen Orientierung des Organismus auf ein mehr nach innen gewandtes assoziatives Denken gefördert, das bis zu hypnagogen Halluzinationen führen kann.

Damit ist neben einer quantitativen Änderung auch eine qualitative Änderung des Bewußtseins verbunden.

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