Zeitgenössische Oper Berlin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2001, Nr. 266 / Seite 49

Oper ohne Text: Adriana Hölszkys "Tragödia" am Berliner Hebbeltheater

Kein Libretto, keine Handlung, keine Darsteller und doch:genuines Musiktheater, das sich keineswegs einem bloßen Akt der Verweigerung verdankt. In ihrem dritten Werk für die Bühne hat Adriana Hölszky vielmehr die radikale Konsequenz aus einem musikalischen Denken gezogen, das Dramatik aus dem Klang heraus entfesselt, statt ein Drama klanglich zu illustrieren. Schon in ihren beiden ersten "Opern" hatte die aus Rumänien stammende Komponistin ihre textlichen Vorlagen - Fassbinders "Bremer Freiheit" und Jean Genets "Die Wände" - kompositorisch gleichsam absorbiert, ins genuin Musikalische transformiert. Die gut einstündige "Tragödia" von 1997 treibt diesen Gedanken noch weiter: Verse von Thomas Körner gingen dem Werk zwar voraus, tauchen in ihm indes nicht mehr auf. Daß Hölszky die Zeitstruktur ihrer Komposition aus jener der Dichtung abgeleitet hat (durch ein Multiplikationsverfahren), erscheint als gänzlich abstraktes, der Sphäre kompositionstechnischer Geheimnisse angehörendes, nicht jedoch semantisierbares Moment. Die Tragödie entwickelt sich rein musikalisch, als nach außen gestülptes inneres Drama, dessen klangliches Panoptikum im Raum ungemeine Plastizität und eine beinahe körperliche Präsenz gewinnt. Jene "Oper ohne Text" von der schon Robert Schumann träumte: Hier ist sie wirklich geworden.

Wolf Münzer hatte für die Bonner Uraufführung ein vielfach verrätseltes Bühnenbild entworfen, das mit wenigen makabren Requisiten eine blutige Beziehungstragödie mit (selbst-)mörderischem Ausgang andeutete. Lichtwechsel in diesem Raum ersetzten die Bühnenhandlung. Sabrina Hölzers Konzept für die Produktion der Zeitgenössischen Oper Berlin im Hebbeltheater wirkt dagegen nun weit radikaler: Der Saal bleibt leer, während auf der Bühne achtundsechzig schwarze, je mit einer Schaumstoffmatte und einem Kissen belegte Holzpritschen angeordnet sind wie Sushis auf einem japanischen Teller. Jeder Zuhörer erhält hier seinen numerierten Liegeplatz, von dem aus er zum Analytiker der ihn umgebenden klanggewordenen Innenwelten sowie sein eigener Dramatiker werden kann. Schon Freud wußte die entspannende und assoziationsfördernde Wirkung einer Couch zu schätzen.

Mit einem kollektiven Selbsterfahrungsexperiment hat das Arrangement dennoch wohltuend wenig zu tun. Zwar fühlt man sich in den ersten Minuten noch ein wenig wie im Schlafsaal eines Landschulheims kurz bevor das Licht ausgeht, wird dann aber erheblicher Vorteile dieser ungewöhnlichen Position gewahr: der leichteren Konzentrationsverlagerung vom Sehen auf das Hören, der weitgehenden Ungestörtheit durch den Nachbar (einen unbeirrbaren Schnarcher ausgenommen), der größeren Intimität des Rezeptionsraums, vor allem aber der idealen akustischen Verhältnisse im Zentrum eines klanglichen Geschehens, das den Zuhörer ebenso zärtlich einhüllen wie grob attackieren kann.

Phänomenal, wie sich die räumliche, fast haptische Qualität von Hölszkys Musik hier zur nachgerade physischen Direktheit steigerte. Die achtzehn Instrumentalisten des bunt und exotisch besetzten Ensembles (Mitglieder des Orchesters der Zeitgenössischen Oper Berlin) - das neben Bläsern, solistischen Streichern, Akkordeon, Gitarre, und Cembalo auch über üppiges Schlagwerk mit diversen Rasseln, Schellen und Trommeln verfügt - spielen unter engagierter Leitung von Rüdiger Bohn im Graben. Live-Elektronik (Klangregie: Matthias Kirschke) und Zuspielband ergänzen und verwandeln den Klang und lassen ihn im Raum wandern, irr kreiseln, sacht von der Decke herabrieseln, in martialischem Schnitt eine Diagonale schlagen oder plötzlich aus einer unvermuteten, scheinbar nur auditiv wahrnehmbaren Ecke hervorkriechen. Das klingt bisweilen, als würde sich die Architektonik des Hauses jäh verändern: "Der unsichtbare Raum" lautet der Untertitel der Komposition.

Hölszkys klangliche Vorstellungskraft scheint schier unbegrenzt. Körpernahe, wie aus den verborgenen Urschichten kindlicher Erfahrung herauftönende Laute mischen sich mit den akustischen Insignien der Technik: ein-, zweimal klingt es, als befände man sich mitten in einem elektrischen Hochspannungsfeld. Geräuschhaftes, wie ein beharrliches Schaben, ein Krächzen, ein glitzerndes Klirren, prallt auf reliktartig erinnerte Reste pathetischer Operngesten: ein punktierter Rhythmus macht sich wichtig, ein durchdrehender Trommelwirbel treibt sich selbst ad absurdum, massive Repetitionen im Blech suggerieren die finale Zuspitzung des Dramas. Einen Hang zum Morbiden und Drastischen hat Adriana Hölszky in ihren Werken immer wieder bewiesen. Sie heißen etwa "Vampirabile" oder "Gemälde eines Erschlagenen". Ihre jüngste Oper "Giuseppe e Sylvia" handelt von der Begegnung zweier Toter. Zum vollendet differenzierten und horizonterweiternden Grusel verhalf der "Tragödia" an diesem Abend auch der Blick ins Halbdunkel des gespenstisch leeren Saals, der undurchsichtigen Ränge, der Gassen und des labyrinthischen Bühnenhimmels.

JULIA SPINOLA

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