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TON

Szene für Mobile, Publikum und Instrumentalisten
Oder: Der Versuch, einen Ort und sein Publikum ernst zu nehmen

 

TON ist eine Zusammenarbeit dreier Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Australierin Liza Lim ist Komponistin. Volker März entstammt der bildenden Kunst und Sabrina Hölzer der Regie. Zu dritt widmen sie sich mit vier Musikern des australischen Ensembles Elision einem Projekt, das kommunizieren will zwischen den Disziplinen, untereinander wie mit denen, die das Projekt besuchen. 

Das ‚Experiment’ TON, eher im Sinne der gleichbedeutenden Verwendung des Wortes mit ‚Erfahrung’ (lat. experientia), wie es von der Scholastik bis hin zur Renaissance gebraucht wurde, ist ein weiterer Schritt der Regisseurin Sabrina Hölzer in dem Feld ihrer Arbeiten, die das Publikum als kreativen Bestandteil eines künstlerischen Werkes unmittelbar einbeziehen. Dies geschieht nicht durch Brechung überkommener Theaterverhältnisse im Sinne des Herab Tretens des Darstellers von der Bühne, der das Publikum anspricht oder einbezieht, sondern durch dessen Betrachtung als konstitutives Element des Werkganzen. Musiktheater – längst keine definierte Gattung mehr- findet hier als ‚Szene’ für die Ausführenden und Rezipienten statt. Dies bedeutet nicht, dass der Scheinwerfer sich vom Darsteller auf den Zuschauer bewegt und damit sozusagen das Verhältnis von der Autorität der Bühne auf die Autorität des Zuschauers verlegt wird, sondern dass beide, Performer wie Publikum, in einen gemeinsamen schöpferischen Prozess versetzt sind. Die Bewegung, die hier gesucht wird, wendet sich vom Monolog zum Austausch. Kontakt im Sinne gemeinsamer seelischer Bewegung, ähnlich wie bei den Musikern im Akt des Musizierens. 

Aus einer Einladung durch das australische Elision Ensemble nach Brisbaine  im Jahr 2006 und einer früheren Zusammenarbeit der Regisseurin mit Volker März an Bergs Wozzeck für die Nationaloper Korea ergab sich die Idee, große Mobiles aus Skulpturen des bildenden Künstlers mit der Musik der australischen Komponistin zu verbinden. Der tönerne Raum des geschichtsträchtigen Schinkel Baus in der Invalidenstrasse mit seinem gläsernen Dach schien diese Idee architektonisch zu bergen. 

Mit der nackten Decke und dem dadurch unverschönten Tageslicht entfällt ein weiterer Aspekt theatralischer Manipulation: die Führung durch Licht. Keine Stühle. Keine Aufbauten. Neben Pause und Innehalten bietenden Podesten ist auch der Raum nackt. Lediglich über den Augen des Publikums eröffnet sich Fülle. Kleine, Hand große tönerne Skulpturen, die an Fäden am Publikum vorbeiziehen, innehalten, sich bewegen, schweben, schaukeln, sich drehen oder aber nur gleiten, durch das Element der alles verbindenden Luft. Keiner kennt ihre Bewegung genau, bevor nicht der Atem der Menschen, die Musik der Bläser, der Strom der wärmenden Luft und die natürliche Verfassung des Tages in der Aufführung zusammen kommen. Der englische Philosoph Francis Bacon äußerte einmal über solch offenes Versuchen „Es bleibt eine reine Erfahrung, die, wenn sie zustößt, Zufall, wenn sie gesucht wird, Experiment heißt“.

Musik ist akustische Bewegung in der Zeit, hier erzeugt durch den Atem der Musiker. Die Figuren bewegen sich nicht. Wie einst Adam sind sie noch unerfüllt vom Leben erzeugenden Odem. Sie hängen an Schnüren und werden getragen, unbelebt, bemalt von der Hand des formenden Künstlers sind sie still und verharren dort, wo Volker März sie anhalten ließ. Sie sind nicht - sie werden bewegt. Kein Librettist, nicht die Komponistin und kein konzipierendes Regieteam bestimmt die Bewegung der stummen Darsteller. Sie sind bewegt durch die alles verbindende Luft. Die Musik, wie die Gestalten der ‚Unos’, die nichts tun, als mit ihrem Leben zu ringen, wie wir alle, sind hier Angebot zur Kommunikation, zum Fäden Spinnen und erfinden. Tritt der Besucher in Verbindung mit ihnen, mit der Musik, werden Geschichten entstehen, die nicht vorgeben, eine einzige zu sein, so wenig wie unsere, so wenig wie die der tönernen Seelen, die hier zwar am gleichen Zentrum taumeln, über ihren Radius aber nur wenig entscheiden.

Tom Mustroph

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