Zeitgenössische Oper Berlin

Charles Baudelaire
Das Théâtre de Séraphin

Was empfindet man? was sieht man? Wunderdinge, nicht wahr? außerordentliche Schauspiele? Ist es herrlich? und schrecklich? und sehr gefährlich? - Solche Fragen stellen die Unwissenden, in deren Neugier sich Furcht mischt, gewöhnlich an die Adepten. Als treibe sie eine kindliche Wißbegierde, wie sie bei Leuten auftritt, die niemals hinterm Ofen hervorgekommen sind, wenn sie auf einen Menschen treffen, der aus fernen unbekannten Ländern heimkehrt. Sie stellen sich den Haschischrausch wie ein Wunderland vor, ein ungeheures Theater voller Zauber- und Gauklerkünste, wo alles unerhört und unvorhergesehen ist. Das ist ein Vorurteil, eine vollkommene Verkennung. Und da nun für gewöhnlich die Leser und Frager mit dem Wort Haschisch die Vorstellung einer seltsamen Welt verbinden, in der alles auf den Kopf gestellt ist und wunderbare Träume sie erwarten (oder besser gesagt: Halluzinationen, die übrigens weniger häufig sind, als man annimmt), so will ich hier sogleich den wesentlichen Unterschied hervorheben, der die Wirkungen des Haschisch von den Phänomenen des Schlafes trennt. Im Schlaf, diesem allnächtlichen Abenteuer, liegt etwas entschieden Wunderbares; es ist dies ein Wunder, dessen regelmäßiges Eintreffen uns für sein Mysterium abgestumpft hat. Die Träume des Menschen sind von zweierlei Art: die einen sind erfüllt von seinem Alltagsleben, seinen Sorgen, seinen Wünschen und Lastern; sie verbinden sich auf eine mehr oder minder wunderliche Weise mit den tagsüber wahrgenommenen Dingen, die auf der weiten Leinwand seines Gedächtnisses aufdringliche Spuren hinterlassen haben. Das ist der natürliche Traum; er ist der Mensch selber. Aber die andere Art von Traum! der absurde, der unvorhergesehene Traum, ohne Beziehung noch Verknüpfung mit dem Charakter, dem Leben und den Leidenschaften des Schläfers! dieser Traum, den ich hieroglyphisch nennen möchte, verweist offensichtlich auf die übernatürliche Seite des Lebens, und eben weil er absurd ist, hielten die Alten ihn für göttlich. Da er sich aus den natürlichen Ursachen nicht erklären läßt, haben sie ihm eine dem Menschen äußerliche Ursache zugeschrieben; und noch heute gibt es - von den Traumdeutern nicht zu reden - eine philosophische Schule, die in Träumen dieser Art bald einen Vorwurf, bald einen Rat erblickt; kurz, ein symbolisches und moralisches Gemälde, das im Geist des schlummernden Menschen entsteht. Das ist ein Wörterbuch, das es zu studieren gilt, eine Sprache, zu der die Weisen den Schlüssel finden können. (...)

Ehe ich fortfahre, will ich hinsichtlich jener oben erwähnten Empfindung der Kühle noch eine Anekdote erzählen, der man entnehmen kann, wie verschieden die Wirkungen, selbst die rein körperlichen, je nach der Person, bei der sie auftreten, sein können. Diesmal spricht ein Literat, und in einigen Passagen seines Berichtes wird man, denke ich, die Kennzeichen eines literarischen Temperaments entdecken.

"Ich hatte", erzählte dieser, "eine mäßige Dosis des fetten Extrakts genommen, und alles verlief nach Wunsch. Der Anfall krankhafter Fröhlichkeit war von kurzer Dauer, und ich befand mich in einem Zustand der Ermattung und Verwunderung, der dem Glück nahekam. Ich versprach mir demnach einen ruhigen, sorglosen Abend. Unglücklicherweise nötigte mich der Zufall, jemanden ins Schauspiel zu begleiten. Heldenhaft entschloß ich mich, mein unermeßliches Verlangen nach Faulheit und Reglosigkeit zu verbergen. Da alle Droschken meines Viertels, wie sich bald herausstellte, schon unterwegs waren, mußte ich mich damit abfinden, eine lange Strecke zu Fuß zurückzulegen, mitten durch das mißtönige Rasseln der Wagen, durch das törichte Geschwätz der Passanten, einen ganzen Ozean von Trivialitäten. Eine leichte Kühle hatte sich schon in meinen Fingerspitzen bemerkbar gemacht; bald verwandelte diese sich in ein sehr heftiges Kältegefühl, als hätte ich beide Hände in einen Kübel eiskalten Wassers getaucht. Doch das war nicht schmerzhaft; diese fast schneidende Empfindung durchdrang mich vielmehr wie eine Lust. Unterdessen kam es mir vor, als überwältigte diese Kälte mich mehr und mehr, je länger diese endlose Wanderung sich hinzog. Zwei- oder dreimal fragte ich die Person, die ich begleitete, ob es wirklich sehr kalt wäre; die Antwort lautete, im Gegenteil, die Temperatur wäre mehr als mild. Endlich im Zuschauerraum untergebracht, in der Loge eingeschlossen, die mir bestimmt war, drei oder vier Stunden Ruhe vor mir, glaubte ich, das Gelobte Land erreicht zu haben. Die Empfindungen, die ich unterwegs mit all der schwachen Kraft, die mir zur Verfügung stand, zurückgedrängt hatte, brachen also hervor, und ungehemmt überließ ich mich meiner stummen Raserei. Die Kälte nahm immer noch zu, und dennoch erblickte ich leicht gekleidete Leute oder gar solche, die sich mit erschöpfter Miene die Stirne wischten. Mich überkam die erfreuliche Vorstellung, ich wäre ein Ausnahmemensch, der allein das Vorrecht genoß, mitten im Sommer unter den Zuschauern eines Theaters in der Kälte zu sitzen. Diese Kälte nahm derart zu, daß sie beunruhigend wurde; mich aber beherrschte vor allem die Neugier, zu erfahren, bis zu welchem Grad sie wohl herabsinken könnte. Schließlich wurde sie so stark, so vollständig, so allgemein, daß alle meine Gedanken gleichsam einfroren; ich war ein denkender Eisklotz; ich kam mir vor wie eine Statue, die man aus einem Eisblock ausgehauen hatte; und diese närrische Halluzination machte mich stolz, erregte in mir ein unbeschreibliches Wohlgefühl des Geistes und der Seele. Was mein abscheuliches Vergnügen noch erhöhte, war die Gewißheit, daß keiner der Anwesenden etwas von dieser meiner Beschaffenheit und meiner Überlegenheit über sie alle wußte: und dann das Glück, zu denken, daß mein Gefährte keinen Augenblick lang geahnt hatten, von welchen seltsamen Empfindungen ich besessen war! Meine Vorstellung fand sich belohnt, und meine ungewöhnliche Lust war ein wirkliches Geheimnis.

            Kaum übrigens hatte ich meine Loge betreten, als sich meinen Augen ein Eindruck von Finsternis aufdrängte, der mir eine gewisse Verwandtschaft zu haben scheint mit der Vorstellung der Kälte. Es mag wohl sein, daß diese beiden Vorstellungen sich wechselseitig verstärkt haben. Das Haschisch ruft bekanntlich immer überwältigende Lichterscheinungen, ein starkes Leuchten und Glänzen, Kaskaden flüssigen Goldes hervor; jedes Licht ist ihm recht, jenes, das sich rieselnder Fülle ergießt, und jenes, das wie Flitter an Spitzen und Unebenheiten hängen bleibt, die Kandelaber eines Salons, die Kerzen des Marienmonats, die rosigen Lawinen in den Sonnenuntergängen. Es muß wohl so gewesen sein, daß dieser elende Lüster für meinen unstillbaren Durst nach Helligkeit nur ein sehr ungenügendes Licht verbreitete; ich glaubte, wie gesagt, eine düstere Welt zu betreten, deren Finsternisse sich mehr und mehr verdichteten, während ich von Polarnacht und ewigem Winter träumte. Nur die Bühne (die eines Lustspielhauses) war hell erleuchtet, unendlich klein und weit, sehr weit entfernt, wie am Ende eines ungeheuren Stereoskops. Ich will nicht behaupten, daß ich den Schauspielern zuhörte, Sie wissen ja, daß das unmöglich ist; von Zeit zu Zeit fing mein Gedanke einen Satzfetzen, und wie eine geschickte Tänzerin bedient er sich seiner als eines Sprungbretts, um sich in ferne Traumgefilde aufzuschwingen. Man sollte meinen, ein Schauspiel, das derart vernommen wird, ermangle der Logik und des Zusammenhangs. Weit gefehlt! ich entdeckte einen sehr subtilen Sinn in dem Schausiel,. das meine Zerstreutheit schuf. Nichts störte mich, und ich glich ein wenig jenem Dichter, der, als er "Esther" zum ersten Mal spielen sah, es ganz natürlich fand, daß Haman der Königin eine Liebeserklärung machte. Und zwar, man errät es, in dem Augenblick, als dieser sich Esther zu Füßen wirft, um für seine Verbrechen ihre Vergebung zu erflehen. Würde man sich dieser Methode bedienen, wenn man einem Schauspiel beiwohnt, so würden alle Dramen dabei große Schönheiten gewinnen, selbst die von Racine.

            Die Schauspieler kamen mir ungewöhnlich klein vor, mit scharfen, genauen Konturen, wie die Gestalten Meissoniers. Ganz deutlich sah ich nicht nur die allergeringsten Einzelheiten ihres Kostüms, wie Stoffmuster, Nähte, Knöpfe usw., sondern auch die Trennungslinie zwischen der Stirn und dem Ansatz der Perücke, das Weiß, Blau und Rot, und alle Mittel der Schminkkunst. Und diese Liliputaner waren von einer kalten magischen Klarheit umgeben, wie ein sehr helles Glas sie einem Ölgemälde verleiht. Als ich diese Höhle eisiger Finsternis endlich verlassen konnte und, während die innere Phantasmagorie zerstob, mir selbst zurückgegeben war, empfand ich eine größere Erschöpfung als jemals nach einer schweren, angespannten Arbeit."

            In der Tat erwerben in diesem Stadium des Rauschs alle Sinne sich eine neue Feinheit, eine überlegene Schärfe der Wahrnehmung. Geruch, Gesicht, Gehör, Gefühl nehmen gleicherweise an diesem Fortschritt teil. Die Augen zielen ins Unendliche. Das Ohr vernimmt fast nichtwahrnehmbare Töne inmitten des größten Tumultes. Und hier beginnen dann die Halluzinationen. Die Gegenstände der Außenwelt nehmen langsam und einer um den anderen seltsame Gestalten an; sie verformen, sie verwandeln sich. Dann stellen sich Zweideutigkeiten ein, Verwechslungen und verschobene Vorstellungen. Die Töne bekleiden sich mit Farben, und die Farben enthalten Musik. Dies, wird man sagen, ist nur allzu natürlich, und jedes dichterische Gehirn nimmt in seinem gesunden und normalen Zustand diese Analogien leicht wahr. Aber ich habe den Leser ja bereits darauf aufmerksam gemacht, daß man im Haschischrausch nichts wirklich Übernatürliches erfährt; nur gewinnen diese Analogien dann eine ungewöhnliche Lebendigkeit; sie durchdringen, überwältigen und bedrängen den Geist mit despotischer Gewalt. Die Musiknoten werden Zahlen, und wenn euer Geist mit einigem mathematischen Vermögen begabt ist, verwandelt sich die Melodie, die Harmonie, die das Ohr vernimmt, ohne etwas von ihrer sinnlichen Wollust einzubüßen; in eine ungeheure arithmetische Operation, in der die Zahlen Zahlen erzeugen, und deren Phasen und Erzeugung mir mit unerklärlicher Leichtigkeit und mit einer Behendigkeit verfolgt, die der des Spielenden gleicht.

            Mitunter verschwindet das Bewußtsein der Persönlichkeit, und jene Objektivität, wie sie den pantheistischen Dichtern eigen ist, entwickelt sich in so anormalem Maße, daß ihr über der Betrachtung der Außendinge euer eigenes Dasein vergeßt und alsbald in sie hinein verschwindet. Euer Blick fällt auf einen schön gewachsenen Baum, der sich im Winde biegt; in wenigen Sekunden wird, was im Geist eines Dichters nur ein sehr natürlicher Vergleich wäre, in eurem Gemüt eine Wirklichkeit. Zuerst schreibt ihr dem Baum eure Leidenschaften zu, eure Sehnsucht oder eure Melancholie; sein Ächzen und Schwanken wird das eure, und bald seid ihr der Baum. Ebenso ist der Vogel, der hoch im Blauen schwebt, euch zuerst ein Zeichen für das unsterbliche Verlangen, über den menschlichen Dingen zu schweben; schon aber seid ihr der Vogel selber. Nehmen wir einmal an, ihr sitzt und raucht. Eure Aufmerksamkeit verweilt ein wenig zu lang bei den bläulichen Wolken, die eurer Pfeife entsteigen. Die Vorstellung eines langsamen, stetigen, unaufhörlichen Zu-Dunst-Werdens wird sich eures Geistes bemächtigen, und eure eigenen Gedanken, eure denkende Materie wird euch dem verwandt erscheinen. In wunderlicher Vertauschung, in einer Art geistiger Übertragung und Verwechslung werdet ihr euch zu Rauch werden fühlen und eurer Pfeife (in der ihr euch wie der Tabak zusammengeduckt hocken fühlt) die seltsame Fähigkeit zuschreiben, euch zu rauchen.

            Zum Glück hat dieser entgrenzende Wahn nur eine Minute gedauert, denn ein mühsam errungener Moment der Klarheit hat euch erlaubt, nach der Standuhr hinüberzublicken. Aber schon tragen andere Gedanken euch in ihrer Strömung dahin; auch sie wird euch eine Minute in ihrem lebendigen Wirbel umtreiben, und diese Minute wird eine andere Ewigkeit währen. Denn die Menge und die Intensität der Vorstellungen und Gedanken sind so groß, daß die Proportionen der Zeit und des Daseins völlig durcheinander geraten. Es ist, als lebe man mehrere Menschenleben innerhalb einer Stunde. Seid ihr dann nicht gleich einem phantastischen Roman, der selbst lebt, statt geschrieben zu werden? Das Verhältnis zwischen unseren Organen und den Wonnen, die uns zuteil werden, ist gestört; und vor allem in Anbetracht dessen fühlt man sich gedrängt, dieses gefährliche Treiben zu verurteilen, bei dem die Freiheit abhanden kommt.

20. September 1858

Charles Baudelaire, Das Théâtre de Séraphin, aus: Die künstlichen Paradiese. Übersetzt von Friedhelm Kemp und Bruno Streiff; München 1989

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