Zeitgenössische Oper Berlin

Antonin Artaud
Das Théâtre de Séraphin

Für Jean Paulhan

Es gibt genug Details, um zu begreifen.
Präzisieren hieße die Poesie der Sache schädigen.

NEUTRAL
WEIBLICH
MÄNNLICH

Ich möchte ein schrecklich Weibliches versuchen. Den Schrei der Revolte, die man mit Füßen tritt, der im Kriege bewaffneten Angst und des Anspruchs.
Es ist wie die Klage eines geöffneten Abgrunds: die verwundete Erde schreit, doch Stimmen erheben sich, unergründlich wie das Loch des Abgrunds, und sind das Loch des Abgrunds, der schreit.
Neutral. Weiblich. Männlich.

Um diesen Schrei auszustoßen, leere ich mich.
Nicht von Luft, sondern von der Gewalt des Lautes. Ich stelle meinen Menschenkörper vor mich hin. Und nachdem ich, in einem gräßlichen Messen, "DAS AUGE" auf ihn geworfen habe, zwinge ich in Stelle für Stelle in mich zurück.

Zuerst den Bauch Mit dem Bauch muß das Schweigen beginnen, rechts, links, am Punkt der Kotstauungen, dort wo die Chirurgen operieren.
Um den Schrei kraftvoll auszustoßen, sollte sich das Männliche zuerst auf die Stelle der Stauungen stützen, die Überflutungen der Lungen mit Atem und des Atems in den Lungen befehligen. Hier verhält es sich leider umgekehrt, und der Krieg, den ich führen will, rührt vom Krieg her, der mit mir geführt wird.
Und in meinem Neutralen gibt's ein Massaker! Ihr versteht es, es gibt da das feurige Bild eines Massakers, das den Krieg nährt, den ich mit mir selber führe. Mein Krieg wird von einem Krieg genährt, und er speit seinen Krieg mit sich selber aus.

NEUTRAL. Weiblich. Männlich. In diesem Neutralen herrscht eine Konzentration, der Wille auf der Lauer nach Krieg wird den Krieg mit der Kraft seines Erschütterungsvermögens zum Ausbruch bewegen.
Manchmal ist das Neutrale nicht existent. Es ist ein Neutrales in Ruhe, in Licht, im Rauf kurzum.
Zwischen zwei Atemzügen dehnt das Leere sich aus, und dann ist es wie ein Raum, der sich ausdehnt.
Hier ist erstickte Leere. Die zusammengeschnürte Leere einer Kehle, drin die Heftigkeit des Röchelns die Atmung verstopft hat.

Der Atem steigt in den Bauch hinab
und schafft seine Leere,
von dort stößt er sie wieder hinauf IN DIE LUNGENSPITZEN.

Was heißen soll: um zu schreien, brauche ich keine Kraft, brauche ich nur Schwäche, und der Wille wird von der Schwäche ausgehen, doch leben, um die Schwäche wieder mit der ganzen Kraft des Anspruchs aufzuladen.

 Und trotzdem, und darin besteht das Geheimnis, wird die Kraft wie BEIM THEATER nicht nach außen treten. Das aktive Männliche wird komprimiert werden. Es wird den energischen Willen des Atems wahren. Es wird ihn für den ganzen Körper bewahren, und was das Äußere angeht, wird es das Schauspiel eines Verschwindens der Kraft geben, das die SINNE MITZUERLEBEN GLAUBEN WERDEN.

Von der Leere meines Bauches aus habe ich nun die Leere erreicht, die die Lungenspitzen bedroht.
Von da gerät der Atem ohne merkliche Übergangslösung in die Hüftgegend, zunächst gibt es links einen weiblichen Schrei, dann rechts, wo die chinesische Akupunktur die nervöse Ermüdung pikiert, wenn diese eine mangelnde Funktion der Milz, der inneren Organe verrät, wenn sie auf eine Vergiftung schließen läßt. Jetzt kann ich meine Lungen mit einem kataraktartigen Geräusch wiederauffüllen, dessen Flut mir die Lungen sprengen würde, wäre der Schrei, den ich ausstoßen wollte, nicht ein Traum.

Indem ich die beiden Punkte der Leere über dem Bauch massiere und von da aus, ohne zu den Lungen überzugehen, die beiden etwas über den Hüften liegenden Punkte, lassen diese in mir das Bild dieses bewaffneten Schreis im Kriege, dieses schrecklichen unterirdischen Schreis entstehen.
Um dieses Schreies willen muß ich stürzen.
Es ist der Schrei des vom Blitzschlag getroffenen Kriegers, der mit einem trunkenen Eisgeräusch im Vorbeigehn die geborstenen Mauern steift.

Ich stürze.
Ich stürze und habe doch keine Angst.
Ich gebe meine Angst in einem Zorneslaut, in einem feierlichen Trompeten von mir.

NEUTRAL. Weiblich. Männlich.
Das Neutrale lastet schwer und fest. Das Weibliche ist donnernd und schrecklich wie das Gebell eines sagenhaften Fleischerhundes, gedrungen wie ausgehöhlte Säulen, kompakt wie die Luft, die die gewaltigen Wölbungen des Unterirdischen zumauert.

Ich schreie im Traum,
doch ich weiß, daß ich träume,
und auf BEIDEN SEITEN DES TRAUMS
lasse ich meinen Willen herrschen.

Ich schreie in einer Knochenrüstung, in den Höhlen meines Brustkorbkäfigs, der in den schreckenerregenden Augen meines Kopfes maßlose Bedeutung annimmt.

Doch um mit diesem vom Blitzschlag getroffenen Schrei zu schreien, muß ich stürzen.
Ich stürze in ein Unterirdisches, und ich komme nicht mehr heraus, ich komme nicht mehr heraus.
Nie mehr im Männlichen.

Ich habe es gesagt: das Männliche ist nichts. Es wahrt Kraft, doch es begräbt mich in der Kraft.
Und für das Draußen ist es ein Klaps, eine Larve aus Luft, ein schwefliges Kügelchen, das im Wasser explodiert, dieses Männliche, der Seufzer eines geschlossenen Mundes im Augenblick, wo er sich schließt.
Wenn die ganze Luft in den Schrei übergegangen ist und nichts mehr für das Antlitz übrigbleibt. An diesem ungeheuren Fleischerhundtrompeten hat sich das geschlossene weibliche Antlitz zu Recht uninteressiert gezeigt.

Und hier beginnen die Katarakte.
Dieser Schrei, den ich soeben ausgestoßen habe, ist ein Traum.
Aber ein Traum, der den Traum auffrißt.
Ich bin eben in einem Unterirdischen, ich atme mit entsprechenden Atemzügen, und, o Wunder, ich bin's, der Schauspieler.
Die Luft rings um mich her ist unermeßlich, doch verstopft, denn von allen Seiten ist die Höhle zugemauert.
Ich ahme einen schreckenerregenden Krieger nach, der ganz allein in die Höhlen der Erde gestürzt ist und der von Angst ergriffen schreit.
Nun benennt der Schrei, den ich soeben ausgestoßen habe, zunächst ein Loch aus Schweigen, aus Schweigen, das sich selbst widerruft, dann das Geräusch eines Kataraktes, ein Wassergeräusch, was in Ordnung ist, weil das Geräusch mit dem Theater verbunden ist. Auf diese Weise spielt sich bei allem echten Theater der recht verstandene Rhythmus ab.

 Das Théâtre de Séraphin:

Was heißen soll, daß es von neuem Magie zu leben gibt; daß die Luft des Unterirdischen, die trunken ist, mit einem schrecklichen Kriegsgeräusch wie ein Heer aus meinem geschlossenen Mund in meine weit geöffneten Nüstern zurückfließt.

Was heißen soll, daß mein Schrei, wenn ich spiele, aufgehört hat, sich um sich selbst zu drehen, daß er aber sein Double an Quellen in den Mauern des Unterirdischen aufgeweckt hat.
Und diese Double ist mehr als ein Widerhall, es ist die Erinnerung an eine Sprache, deren Geheimnis das Theater verloren hat.

Groß wie eine Muschel und gut in der hohlen Hand zu halten, dieses Geheimnis; so spricht die Tradition.
Alle Magie der Existenz wird in eine einzige Brust gelangt sein, wenn sich die Zeiten wider geschlossen haben werden.

Und dies wird nicht an einem großen Schrei sein, an einer Quelle menschlicher Stimme, eine einzige, vereinzelte Menschenstimme wie ein Krieger ohne Heer.

Um den Schrei zu schildern, den ich geträumt habe, um ihn mit lebendigen Worten zu schildern, mit entsprechenden Worten, sowohl von Mund zu Mund als von Atem zu Atem, ihn nicht ins Ohr, sondern in die Brust des Zuschauers gelangen zu lassen. Zwischen der Figur, die in mir in Erregung gerät, wenn ich, als Schauspieler, die Bühne betrete, und derjenigen, die ich bin, wenn ich die Realität betrete, gibt es einen graduellen Unterschied, gewiß, doch zugunsten der Theaterrealität. Wenn ich lebe, merke ich nicht, daß ich lebe. Aber wenn ich spiele, dann merke ich, daß ich existiere. Was könnte mich hindern, an den Traum des Theaters zu glauben, wo ich doch an den Traum der Realität glaube?
Wenn ich träume, tue ich etwas, und auf dem Theater tue ich auch etwas.
Die von meinem unergründlichen Bewußtsein gelenkten Ereignisse des Traums lehren mich den Sinn der Ereignisse des Wachzustandes, wo blankes Verhängnis mich lenkt.
Nun ist das Theater gleichsam ein großes Erwachen, wo ich selbst das Verhängnis lenke.
Damit die Kette wiederhergestellt werden kann, die Kette einer Zeit, da der Zuschauer im Schauspiel seine eigene Realität suchte, muß das Theater, auf dem ich mein persönliches Verhängnis lenke, das den Atem zum Ausgangspunkt hat und das sich, nach dem Atem, auf den Laut oder den Schrei stützt, diesem Zuschauer Atemzug für Atemzug und Takt für Takt die Identifikation mit dem Schauspiel ermöglichen.
Es genügt nicht, wenn die Magie des Schauspiels diesen Zuschauer fesselt; sie wird ihn erst dann fesseln, wenn man weiß, wo er zu packen ist. Schluß mit der zufälligen Magie, mit der Poesie, der das Wissen um die Untermauerung dieser Magie fehlt.
Auf dem Theater müssen Poesie und Wissen nunmehr eins werden.
Jede Emotion hat organische Grundlagen. Indem der Schauspieler seine Emotion in seinem Körper kultiviert, lädt er dessen galvanische Dicht wieder auf.
Von vornherein die Punkte des Körpers kennen, die es anzurühren gilt, heißt den Zuschauer in magische Trance versetzen.
Und dieser kostbaren Art von Wissen hat sich die Poesie auf dem Theater schon seit langem entwöhnt.
Die Lokalisationen des Körpers kennen, heißt also, die magische Kette wiederherstellen.
Mit der Hieroglyphe eines Atems will ich eine Idee vom heiligen Theater wiederfinden.

 Mexiko, 5. April 1936

Antonin Artaud, Das Théâtre de Séraphin, aus: Das Theater und sein Double. Übersetzt von Gerd Henninger; Frankfurt am Main 1979

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