Zeitgenössische Oper Berlin

Die letzte Saite
Oper in einem Akt von Qu Xiao-song

Libretto von Wu Lan und Qu Xiao-song nach der gleichnamigen Erzählung von Shi Tie-sheng und dem yuanzeitlichen Theaterstück "Die unschuldige Dou-e" von Guan Han-qing,1997-8
Übersetzung: Andrea Janku, © Peer Musik-Verlag, Hamburg

Ort: Ein chinesischer Dorfplatz. Am Abend.

Rollen: Laohan – "alter Mann" (Baß), ein blinder Geschichtenerzähler, ungefähr 70 Jahre alt.
Dorfvorsteher Ma (gespielt vom Dirigenten).
Dorfleute (gespielt von den Orchestermusikern).

Szene: Links vorne auf der Bühne steht ein leerer Stuhl, links im mittleren Bühnenhintergrund stehen ein Holztisch und eine Holzbank (auf dem Tisch sind ein Teebecher und ein Holzblock), am rechten Bühnenrand stehen in der Mitte einige Stühle (für die Musiker).

1. Szene

Dorfleute: [heben langsam die rechte Hand und legen den Zeigefinger vor den Mund] [hauchendes Geräusch] Psss! Psss! Psss!

[rufen aggressiv]Ruhe!Laohan kommt!

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Schhh!

[Licht auf Laohan]

Laohan: [erzählt geheimnisvoll]
Laohan, Laohan – "alter Mann" ... Ich weiß ja nicht mal selbst wer ich bin, wie ich heiße, woher ich komme und wohin ich gehe. Ich wandere durch die Bergdörfer und erzähle meine Geschichten. Seit fünfzig Jahren schon ziehe ich bei Wind und Wetter durch die Gegend und hoffe darauf, daß der Himmel sich eines Tages erbarmen wird, daß er mir, dem einsamen Blinden Laohan, die Augen öffnen wird und mich einmal die Schönheit dieser Berge und Täler, Flüsse und Dörfer sehen läßt.

[flüstert] Es könnte heute sein ...

Laohan: [zum Dorfvorsteher Ma] [bestimmt und herzlich]
Dorfvorsteher Ma, seit ich meinen Lehrer verlassen habe und allein umherwandere und Geschichten erzähle, habe ich die Gastfreundschaft der Dorfleute erfahren. Ihr habt mir Tee und Reis gegeben, ihr habt mich gewärmt und wart besorgt um mich. Fünfzig Jahre lang habt ihr mir immer wieder neuen Mut gegeben. Heute möchte ich euch dafür danken und möchte allen im Dorf Frieden und Gesundheit wünschen.

[Licht auf die Dorfleute]

Dorfvorsteher Ma: Oh je, "alter Mann", Laohan! Erzähl doch einfach eine Geschichte! Was bist du auf einmal so höflich! Das darf doch nicht wahr sein!

Dorfleute: Genau! Genau!

Laohan: [schlägt mit dem Holzblock auf den Tisch][überschwenglich]
Ja, ja, ist ja schon gut! Fangen wir an!

Dorfleute: [rufen] Ruhe!

Laohan: [erzählt überschwenglich] Fangen wir an. Fangen wir also an.
Da sind so viele Geschichten zu erzählen, von den großen Kaisern Yao, Shun und Yu und von den 108 Helden vom Liang-shan Moor, von Unglücksrittern und tragischen Gestalten, die heimatlos in der Welt umherirren. Unzählige Geschichten kann ich euch erzählen, von Pan Gu, der Himmel und Erde geschaffen hat, bis zum neuesten Klatsch von der Straße. Ich kenne sie alle. Welche wollt ihr hören?

Dorfleute: [rufen in heller Freude die Titel der beliebtesten Geschichten durcheinander]
— "Die Herberge an der Weggabelung" – "Der Changban Hügel" – "Auf dem Weg zur Weizenstadt" – "Der Dingjun Berg" – "Das Bankett in Hongmen" – "Die Strategie der leeren Stadt" – "Betrunken in Kuaihuolin" – "Rabatz im Himmelspalast" – "Qin Qiong verkauft sein Pferd" – "Yang Zhi verkauft seinen Dolch" – "Song Jiang tötet Xi" – "Der Feldzug der Witwe" – "Bao Gong ermordet Mei" – "Die Entschuldigung des Bao Gong" – "Die Geschichte von den acht Weisen" – "Der ausgetauschte Kronprinz" – "Zhong Kui verheiratet seine Schwester" – "Blutsbrüderschaft im Pfirsichgarten" – "Jiang Taigong beim Fischfang" – "Lu Zhishen kämpft gegen Zhen Guanxi" –

Laohan : Welche nun?

Frau: Die Geschichte von der unschuldigen Dou-e hast du das letzte Mal nur zur Hälfte erzählt ...

Dorfvorsteher Ma: [barsch] Frauen haben sich da nicht einzumischen!

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Schschhhh!

Mann: [spöttisch] Paß auf, daß dir nicht heute Abend im Bett jemand dein Schweinsohr abbeißt!

Dorfleute: [rufen wild] Huuh! Ha ha ha ha, hi hi hi hi! Huuuh!

Dorfvorsteher Ma: [peinlich betreten] Also gut, dann erzähl‘ halt die Geschichte von der unschuldigen Dou-e weiter ...

[geheimnisvolles hauchendes Geräusch] Hu

Laohan: [geheimnisvoll] Dicke Schneeflocken fielen plötzlich im Juni, so schrie das Unrecht zum Himmel, das der unschuldigen Dou-e angetan worden war ...
[schlägt mit dem Holzblock auf den Tisch] Ihr Dorfleute, erinnert ihr euch noch, bis wohin wir das letzte Mal gekommen waren?

Dorfleute: Esel Zhang hat Dou-e fälschlich beschuldigt, seinen Vater vergiftet zu haben, und wollte wissen, ob sie die Sache vor dem Richter geregelt haben wollte oder ob sie das lieber unter sich ausmachen sollten.

Erste Frau: [anmutig] Wie ist es vor dem Richter?

Dorfvorsteher Ma: [forsch] Da wirst du vor das Gericht geschleppt, verhört und ausgefragt, gepeitscht und mit Knüppeln geschlagen. Bisher haben noch alle gestanden!

Zweite Frau: [anmutig] Und wie sieht es aus, wenn wir die Sache unter uns ausmachen?

Dorfvorsteher Ma: [sanft] Wir heiraten und alles ist geregelt.

Dritte Frau: [wütend] Du schamloser Wüstling! Außerdem habe ich deinen Vater nicht vergiftet, lieber gehe ich mit dir vor den Richter!

Dorfleute: Wer wissen will, wie es weiter ging, der muß morgen früh wieder kommen!

Laohan: [überschwenglich] Nicht schlecht, nicht schlecht! Gut behalten! Gut behalten!

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Schschhhh!

Laohan: Erzählen wir weiter von der unschuldigen Dou-e. Die Vorstellung begiiiiiiinnt!

[Licht auf die Dorfleute geht aus]

 

2. Szene

Laohan: [entspannt, mit natürlicher Stimme] An diesem Tag, als der Richter von Chuzhou gerade zu seinem Amtssitz gekommen und sich auf seinem Richterstuhl niedergelassen hatte, hörte man plötzlich eine schrille Stimme:

[Esel Zhang] [kreischend, Tenorstimme] —Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!

[Richter] [Baritonstimme] —Du Mann und ihr zwei Frauen, wer klagt hier wen an?

[Esel Zhang] —Ich bin der Ankläger, Esel Zhang.

[Richter] —He he, guck‘ dir dieses Pferdegesicht, diese Schweinsohren und diese Augen eines Kampfhahns an. Deine Eltern haben dir wahrlich einen passenden Namen gegeben!

[Esel Zhang] —Hinter einem häßlichen Gesicht ist ein gutes Herz verborgen!

[Richter] —Nun gut, du häßlicher Gutmensch Esel Zhang, welche der beiden Frauen klagst du an?

[Esel Zhang] —Ich klage diese junge Frau, Dou-e, an. Sie hat Gift in die Hammelsuppe gemischt und damit meinen Vater getötet. Diese heißt "Schwiegermutter Cai" und ist meine Stiefmutter. Wir drei sind zum Gericht gekommen, um Euer gerechtes Urteil zu erbitten. Ich flehe Euch an, Hoher Herr, gebt mir Gerechtigkeit! Ai ai ai ai ai!

Dorfleute: Hundesohn!

Laohan: [Richter] —Wer von euch hat die Suppe vergiftet?

[Dou-e] [Sopranstimme, anmutig] —Ich habe nichts damit zu tun.

[Schwiegermutter Cai] [Altstimme] —Auch ich habe damit nichts zu tun.

[Esel Zhang] —Ich, Esel Zhang, habe damit erst recht nichts zu tun!

[Richter] —Keiner von euch! Wollt ihr etwa sagen, ich hätte die Suppe vergiftet? Du, Dou-e, Angeklagte, was hast du dazu zu sagen?

[Dou-e] [äußerst anmutig und empfindsam] —Eigentlich kannte ich diesen Esel Zhang überhaupt nicht. Wie es kam, daß meine Schwiegermutter seine Stiefmutter wurde? Eines Tages, als meine Schwiegermutter bei Doktor Sai Schulden einfordern wollte, hätte dieser, der die Schuld leugnete, sie beinahe umgebracht. Glücklicherweise wurde sie von Esel Zhang und seinem Vater gerettet. Um die gute Tat zu vergelten, nahm meine Schwiegermutter die beiden bei sich auf und sorgte für ihren Unterhalt. Wer hätte gedacht, daß die beiden Böses im Schilde führten, meine verwitwete Schwiegermutter nötigten, den Vater zu heiraten, und außerdem mich zwingen wollten, die Frau des Sohns zu werden! Die Trauerzeit für meinen verstorbenen Mann war noch nicht vorbei, so verweigerte ich mich hartnäckig.

Vorgestern wurde meine Schwiegermutter krank. Sie bat mich, ihr eine kräftige Hammelsuppe zu kochen. Ich weiß nicht, wo Esel Zhang das Gift versteckt hatte. Er nahm die Suppe und sagte nur, es würde etwas Salz fehlen und schickte mich weg, welches zu holen. Dann schüttete er heimlich das Gift in die Suppe. Zum Glück mußte meine Schwiegermutter plötzlich erbrechen, und so gab ich die Suppe seinem Vater. Kaum hatte dieser ein paar Löffel gegessen, da fiel er tot um. Ich habe wirklich nichts damit zu tun. Ich bitte Euch, Hoher Herr, ehrwürdiger Richter, gebt mir Gerechtigkeit!

[Esel Zhang] —Hoher Herr, gerechter Richter, ihr Familienname ist Cai und meiner Zhang, wenn ihre Schwiegermutter meinen Vater nicht heiraten wollte, warum hat sie uns dann in ihr Haus aufgenommen? Wenn diese Frau auch noch jung ist, so besitzt sie doch die Frechheit, hier vor Gericht den ehrwürdigen Richter zu betrügen! Ein Mord ist ein schwerwiegendes Verbrechen. Hoher Herr, Ihr vertretet die Gerechtigkeit auf Erden, ich bitte Euch, Hoher Herr, gebt mir Gerechtigkeit!

Dorfleute: Hundesohn!

Laohan: [Richter] —Ha! Ohne Folter werden diese niederträchtigen Verbrecher nichts gestehen. Nehmt einen großen Prügel, schlagt sie!—Schlagt sie!

[Falsettstimme] Schlagt sie! Oh ja! Oh ja, Oh ja!

Dorfleute: Hund von einem Beamten! Dich sollte man schlagen!

Laohan: [Richter] —Schlagt sie, schlagt sie, schlagt sie, schlagt sie! Schlagt! Schlagt! Schlagt! Schlagt!!! Oh ja!

[Dou-e] [Falsettstimme] —Grausame Ungerechtigkeit! Grausame Ungerechtigkeit! Grausam, grausam, grausam, grausam ...   verhört und ausgefragt, gepeitscht und mit Knüppeln geschlagen, meine Kräfte verlassen mich. Aah, aah! Eben hört es für einen Moment auf, ich komme wieder zu mir, und falle wieder ins Dunkel. Alle Arten der Folter, alle Formen der peinlichen Befragung, Stockschläge, Ströme von Blut, Fetzen von Haut; sie schlagen mich blutig, überall Blut, nichts als Blut. Himmel! Die Sonne – verdeckt von betrübten blutigen Wolken. Ahh!

[Richter] —Gestehst du?

[Dou-e] —Ich habe wirklich kein Gift in die Suppe geschüttet.

[Richter] —Wenn du es nicht warst, dann schlagt Schwiegermutter Cai!

[Dou-e] —Nein ... Nein! Nein, nein, nein, nein! Nicht sie, schlagt sie nicht!

[Richter] —Dann gestehst du also?

[Dou-e] —Ich gestehe, gestehe, gestehe, ja, ja, ja. Um meine Schwiegermutter vor der Folter zu schützen gestehe ich!

Dorfleute: [rufen besorgt] —Nein! Tu das nicht! Nein!

Laohan: [Esel Zhang] [freudig] —Danke, Hoher Richter, für euer gerechtes Urteil! Danke! Danke! Nehmt diese zehn Silberstücke als Zeichen meines Dankes! Danke, Hoher Herr! Juhu! Juhu! Danke! Danke! Hoher Herr! Juhu, hihihi!

Dorfleute: [schreien wütend] —Hundesohn! Hundesohn!

Laohan: [Richter] [gefühllos] —Gerichtsdiener, laßt Dou-e ein Zeichen unter ihr Geständnis machen. Fesselt ihr die Hände und werft sie in die Todeszelle. Sie wird zum Tode durch Enthauptung verurteilt, morgen wird sie zum Richtplatz geführt werden. Räumt das Gericht!

Dorfleute: O weh! Neunhundertachtundneunzig!!!

[Das gesamte Theater wird völlig dunkel.]

[blaues Licht auf den Stuhl]

Dorfleute: O he!

3. Szene

Laohan: [flüstert] Jetzt ist die Saite gerissen. Soll ich trotzdem weitererzählen?

Dorfvorsteher Ma: Natürlich! Hast du schon jemals wegen einer gerissenen Saite aufgehört zu erzählen?

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Schschhhhh!

[Blaues Licht aus ... Licht auf Laohan]

Laohan: [Dou-e] [auf dem Weg zur Hinrichtung]—Frevel!

—Die Sonne hängt den ganzen Tag am Himmel, der Mond die ganze Nacht, die Dämonen haben Leben und Tod in ihrer Hand. Ich schreie das Unrecht hinaus, daß die Erde gerührt und der Himmel erschüttert ist.

[Henker] [Tenorstimme]—Los, los, geh schon! Nur keine Zeit versäumen!

[Dou-e] —Es ist dieses Joch, das mich hin und her taumeln läßt, die drängelnde Menschenmenge läßt mich nach vorn und nach hinten wanken. Bruder Henker, ich, Dou-e, habe noch etwas zu sagen, bevor ich sterbe.

[Henker] —Ich bin nur der Henker, bei mir vergeudest du deine Worte. He, da vorne ist der Vollstreckungsbeamte, wenn du etwas sagen willst, dann mußt du mit ihm reden.

[Dou-e] —Hoher Herr Vollstreckungsbeamter, es gibt da etwas, was ich fragen möchte.

[Vollstreckungsbeamter] —Was gibt es noch zu fragen! Alles ist in Frieden, wenn du erst tot bist.

[Dou-e] —Heute wird mein Leben zum Himmel zurückkehren, ihr solltet Mitleid mit mir haben.

[Vollstreckungsbeamter] —So rede halt!

[Dou-e] —Ich werde auf einer reinen Matte stehen, das lange weiße Seidentuch wird wie eine Fahne wehen.

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Tzzzz

[Dou-e] Wenn ich wirklich unschuldig bin, dann wird in dem Moment wo die Klinge meinen Kopf abtrennt ein warmer Blutstrom die weiße Seide feuerrot färben.

[Vollstreckungsbeamter] [Baritonstimme] —Das ist nicht schwer. Es soll so sein wie du sagst. Hast du noch mehr zu sagen?

[Dou-e] —Hoher Herr, hört: Die Mittagssonne brennt wie ein loderndes Feuer, es ist die heißeste Zeit des Jahres. Wenn der Himmel erkennt, daß ich unschuldig bin, dann wird nach meinem Tod, wenn die Seele den Körper verlassen hat,

[singt mit einer schönen klaren Stimme]

hoher Schnee meinen toten Körper bedecken – klar wie Kristall und hell wie der Mond.

[Vollstreckungsbeamter] [ruft] —Grotesk! Wie sollte es schneien, an einem so heißen Tag!

Dorfleute: [flüstern] Ja, wenn der Himmel seine Augen nicht öffnet, was sollen wir dann tun?

Laohan: [ruft ärgerlich mit einer mächtigen Baßstimme] So ein großes Unrecht, wie könnte der Himmel das nicht sehen! Wie könnte er das nicht wissen!!? Doch laßt uns hören, was Dou-e zu sagen hatte:

[Dou-e] —Du sagst, es sei die heißeste Zeit des Jahres, die Sonne brennt am Himmel. Wie kommt es, daß du nicht weißt, daß ein solch großes Unrecht Energien freisetzen wird, die den Himmel durchbrechen!

[Vollstreckungsbeamter] [schreit mit kräftiger Baritonstimme] —Zieht sie zu Boden! Kopf ab!

Dorfleute: [schreien zornig und verzweifelt] Frevel! Frevel! Frevel! Himmel, öffne deine Augen!

Laohan: [erzählt mit einer kräftigen Baßstimme] Dann ging alles sehr schnell. Der Henker erhob die Arme und ließ die Klinge niedergehen, der Kopf der armen Dou-e flog jäh davon, frisches Blut wie Feuer spritzte meterweit und färbte das weiße Seidentuch tiefrot. Und nun schaut euch den Himmel an! Mit einem Mal verdunkelten schwarze Wolken den Himmel, ein stürmisches Gewitter brach los, die heiße Junisonne wand sich ab vor Scham, dicke Schneeflocken fielen herab, der Himmel war weiß von Schnee. Den Augen des Himmels entgeht nichts.

Dorfleute: Oh weh! Neunhundertneunundneunzig!

[Das gesamte Theater wird in rotes Licht getaucht.][Blaues Licht auf den leeren Stuhl ... Laohan steht sehr langsam und geheimnisvoll auf ... ][... sehr langsam setzt sich Laohan wieder hin ...]

[... langsam und leise kommt ein Tänzer in Wellenbewegungen herein, sehr geheimnisvoll ...]

4. Szene

[Das Licht auf dem leeren Stuhl geht aus ...]

Dorfvorsteher Ma: [redet kühl, unbewegt]Laohan, all diese fünfzig Jahre wußten wir Dorfleute nicht, wozu wir deine gerissenen Saiten zählen sollten.

[Der Tänzer gleitet in den Bühnenhintergrund, dann auf die rechte Bühnenseite, verschwindet allmählich ...]

Dorfvorsteher Ma: Du hast uns so angewiesen. Wir haben deine Geschichten gerne gehört, und so haben wir auch gewissenhaft gezählt. Bis heute hast du uns Geschichten erzählt und nun ist die neunhundertneunundneunzigste Saite gerissen. Du solltest uns nicht länger über die Lösung dieses Rätsels im unklaren lassen!

[Das rote Licht ausblenden. Das Theater wird wieder dunkel.] [Licht auf Laohan]

Laohan: [in tiefe Erinnerung versunken] Ein armer Junge wurde blind geboren, kaum sieben Jahre alt starben Vater und Mutter.

[als würde er lauthals Waren anpreisen]

Auf den Straßen erbettelte er sich seinen Lebensunterhalt, ein Lied für eine Handvoll Reis. Um die Kunst des Erzählens zu lernen ging er zum "alten Meister".

[verträumt lächelnd]

Die Augen des "alten Meisters" konnten weder Berge sehen noch Flüsse, nie hatte er Enten und Gänse, Pferde und Ochsen gesehen. Doch man sagte von ihm, daß die Melodien seiner San-xian Fische und Wildgänse verzauberten, den Mond erblassen und die Blumen erröten ließen. [sanft] Von dem Tag an war es das Los des armen Jungen, dem alten Geschichtenerzähler zu folgen und mit ihm umherzuwandern. Er lernte die Kunst des Meisters und so flossen zehn Jahre dahin. Wer hätte gedacht, daß die Liebe zu einem Mädchen zu seinem Unglück werden sollte! An jenem Tag, [sanft und entspannt] es war ein sonniger Tag, ein milder, schöner, sonniger Tag, ach ja, ach ja, ach ja, ach ja, der Garten war erfüllt von Hahnengeschrei und dem Zirpen der Zikaden, ach ja, ach ja, ach ja, ach ja. Die Saitenklänge des jungen Blinden bewegten den Himmel, die Geschichten des alten Blinden rührten die Herzen zu Tränen, ach je, ach je, ach je, ach je. Sie trugen die Geschichte von der Göttin und dem jungen Dong Yong vor, ach je, ach je, ach je, ach je. Sie spielten und sangen bis die untergehende Sonne den Himmel rot färbte. [ruhig] Die Nacht brach an, die letzten Töne waren verklungen und die Leute waren nach Hause gegangen. Über den Bäumen hing der Neumond, [sehr zärtlich] die kleine Lan-xiu, unruhig, entrückt, ging nicht nach Hause. In ihrer Fantasie war dieser blinde Junge der Dong Yong aus der Geschichte geworden, sie selbst wollte die Göttin sein und war doch schüchtern und verschämt.

[sanft]

An einem anderen sonnigen Tag, an einem milden, schönen, sonnigen Tag, ach ja, ach ja, ach ja, ach ja, der Garten war erfüllt vom Hahnengeschrei und dem Zirpen der Zikaden, ach je, ach je, ach je, ach je. Dem blinden Jungen, den Frühling im Herzen, gerieten die Töne der San-xian durcheinander, er sehnte sich nur nach dem Moment unter der Pappel an der Mauer draußen vor dem Dorf, ach ja, ach ja, ach ja ... die Zeit floß dahin, ach je, ach je, ach je, ach je, [ein bißchen traurig] unversehens war es schon Winter geworden.

Dorfleute: [singen ruhig] — Armer Junge!

Laohan: [traurig] Du kannst es nicht verbergen, du kannst es nicht ungeschehen machen!

Dorfleute: [singen] Schande! Schande! Schande!

Laohan: An jenem Tag .... an jenem Tag, es schneite und schneite, der Rauch der Herdfeuer reizte die Augen zu Tränen, hörte man Schritte draußen vor dem zerbrochenen Fenster. Das Herz des Jungen war krank vor Sehnsucht nach Lan-xiu.

Wer hätte gedacht, daß es Lan-xius Vater war, Yang Zheng-xiong, der mächtig dröhnend plötzlich hereinkam:

[mit mächtiger Stimme]

Yang Lan-xiu wird heute verheiratet, sie wird in eine reiche Familie in einem entlegenen Bergdorf einheiraten. Der kleine Blinde – he, he – ist wie ein törichter, häßlicher Frosch, der von einem Schwan träumt – da kann er warten – he he – bis die Sonne in den Westbergen aufgeht und die Hühner den Tag verkünden. Ha, ha ha ha, ha ha ha.

[tobend] Ha!!! Ha!!! Ha!!! Ha!!!

Dorfleute: [schrill schreiend] Hat denn der Himmel kein Erbarmen mit dem armen Jungen!!!

Laohan: Doch seht, als würden fünf Donnerschläge auf seinen Kopf einschlagen, als würde der Himmel einstürzen, rannte er wie wahnsinnig nach draußen. Er kümmerte sich nicht um die endlose Schneelandschaft, die keinen Ausweg ließ, er kümmerte sich auch nicht um die tiefe, endlose Nacht. Endlich fiel er erschöpft in den Schnee. Er hoffte nur noch auf das Ende, daß der Atem stocken und das Leben sich im weiten Firmament verlieren würde.

Dorfleute: [hauchendes Geräusch] Hu

Laohan: [schmerzvoll] Der Wind pfiff über die verschneite Landschaft, die Kälte drang bis in die Knochen. Matt und trostlos wie ein alter Spiegel hing die Sonne im Himmel.

Dorfleute: [flüstern mitleidsvoll] Armer Junge!

Laohan: Fünf Tage später kam der junge Blinde wieder zu sich, der alte Meister saß schweigend neben ihm.

[Laohan] [flüstert schmerzvoll] —Warum sind wir blind?

[Meister] [ruhig und unbewegt] —Du und ich, wir sind blind geboren.

[Laohan] [flüstert schwach] —Gibt es irgendeine Möglichkeit für mich, diese Welt einmal zu sehen?

[Meister] [unbewegt und ruhig mit sehr tiefer Stimme] —Spiele deine San-xian mit ganzem Herzen, spiele aufrichtig, bis die Saiten reißen, eine nach der anderen. Wenn die tausendste Saite gerissen ist, dann öffne vorsichtig das Instrument und nehme ein Stück Papier heraus. Darauf ist ein Rezept. Geh damit zu einem Arzt, er wird dir helfen, die Schönheit dieser Welt zu schauen.

[Laohan] —Warum muß ich die San-xian spielen?

[Meister] —Die vibrierenden Saiten sind dein Schicksal.

[Laohan] —Warum hast du dieses Rezept nicht benutzt?

[Meister] —Du hast ein besseres Gedächtnis als ich. Ich Unglücksrabe habe mir 800 gemerkt, das ist mein Schicksal. Die Zeit ist gnadenlos. Der Tod ist nicht mehr fern,

[flüstert sehr bewegt] für mich gibt es keine Hoffnung mehr. Meine Kunst habe ich dir beigebracht, von heute an wirst du der "alte Meister" der Dorfleute sein.

[Meister] [sehr ernst, mit sehr tiefer Stimme] —Merke dir, sei aufrichtig und – es müssen EINTAUSEND Saiten sein.

Dorfleute: [flüstern ängstlich] Und dann?

Laohan: [flüstert geheimnisvoll, das Gesicht zum Himmel gewandt] Das Schicksal meinte es nicht gut mit meinem alten Meister. Er brachte nur achthundertachtzig Saiten zum zerspringen.

[Laohan senkt den Kopf, wendet sich dem leeren Stuhl zu ... Licht auf den Stuhl mit der San-xian]

[Die tausendste Saite zerreißt!]

[Laohan steht langsam auf ... "betrachtet" den Stuhl aus der Entfernung ...]

Dorfleute: [flüstern mitfühlend und ermutigend] Laohan!

[Laohan tastet sich zum Stuhl hin ... er nimmt das Papier aus der San-xian und reicht es in Richtung der Dorfleute ...]

Laohan: [flüstert schwach] Dorfvorsteher Ma, tu mir einen Gefallen, schau doch mal, was darauf steht.

[Vorsichtig näher kommend nimmt der San-xian Spieler das Papier, geht dann zum Dorfvorsteher und reicht es ihm. Der Dorfvorsteher betrachtet es sehr sorgfältig und gibt dem San-xian Spieler das Stück Papier zurück. Der San-xian Spieler geht zu dem unruhig wartenden Laohan und reicht es ihm mit beiden Händen zurück. Dann kehrt er (oder sie) zu seinem (oder ihrem) ursprünglichen Platz zurück.]

Laohan: [flüstert ängstlich] Was steht da?

[noch ängstlicher] Was .... steht da?

Dorfvorsteher Ma: [spricht mit klarer Stimme] Laohan, gar nichts steht darauf. Es ist ein leeres Blatt Papier.

[Laohan zittert am ganzen Körper ... Er hält das Papier ganz nahe an seine Augen, als könnte er hindurch sehen. Dann hockt er sich sehr langsam hin. Gleichzeitig stehen die Musiker sehr langsam auf und betrachten den weit entrückten Laohan ... Schließlich steht Laohan sehr langsam auf, erhebt seinen Kopf und "schaut" zum Himmel, mit hängenden Händen, die das Stück Papier hinunterfallen lassen ... Die Musiker bewegen sich langsam nach vorne, starren in Laohans Richtung. Das Licht folgt den Musikern ... Schließlich sind die Musiker ganz vorne auf der Bühne, mit dem Rücken zum Publikum sitzend.]

[Licht auf Laohan]

Dorfleute: [flüstern] Laohan?

Laohan: [spricht ruhig und klar] Kommt morgen früh wieder.

[Licht aus]

[Ende]

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