Zeitgenössische Oper Berlin


Der Geschichtenerzähler erzählt die Geschichte und die Geschichte erzählt die Wahrheit

Auf einem Dorfplatz erwarten die Dorfleute ungeduldig Laohan, den blinden Erzähler. Seit fünfzig Jahren singt er, begleitet von seinem Saiteninstrument, der San-xian, seine Geschichten. Niemand weiß, woher er kommt und wohin er geht. An diesem Abend erscheint er anders als sonst. Zögerlich dankt er den Dorfbewohnern für ihre Gastfreundschaft. Sie wollen seinen Dank nicht, sie wollen seine Geschichten! Wild rufen sie Laohan ihre Wünsche entgegen. In dem Durcheinander der Titel und Figuren wird Laohan glücklich und beginnt zu erzählen....

Esel Zhang beschuldigt die Witwe Dou-e zu Unrecht des Mordes an seinem Vater. Ein bestochener Richter verurteilt sie zum Tode durch Enthauptung. Als Laohan mit der Stimme des Richters das Urteil verkündet, zerspringt auf seinem Instrument eine Saite. Wie in einem Ritual rufen die Dorfbewohner: "Neunhundertachtundneunzig!". Laohan verstummt. Er zögert. Aber die Dörfler treiben ihn weiter: "Das Schwert zerschlug den Nacken der Dou-e, Blut spritzte wie Feuer...und die weiße Junisonne wandte sich ab vor Scham, dicke Schneeflocken fielen herab...dem Himmel entgeht nichts". Mit einem scharfen Laut zerspringt eine weitere Saite. "Neunhundertneunundneunzig!", rufen die Dorfbewohner. Laohan versinkt wie in einen tiefen Traum: War es der Wunsch wert? Fünfzig Jahre hatte er gewartet. Fünfzig Jahre auf diesen Moment.

Der Dorfvorsteher fragt ihn, warum er sie einst angewiesen hatte, die gerissenen Saiten zu zählen. Wie in Trance beginnt Laohan seine eigene Geschichte: Ein armer Junge wurde blind geboren, kaum sieben Jahre alt starben Vater und Mutter. Er lernte die Kunst des Erzählens bei einem Meister, blind wie er. Gemeinsam erzählten und sangen sie in den Dörfern, bis der Junge sich verliebte. Weil er blind war, verheiratete der Vater das Mädchen an einen reichen Mann aus den Bergen. Der Junge suchte den Tod. Durch seinen Meister gerettet, fragte er diesen, wie er die Welt sehen könne, ein einziges Mal. Der Meister antwortete: "Spiele deine San-xian mit ganzem Herzen, spiele, bis die Saiten reißen, eine nach der anderen. Wenn die tausendste Saite gerissen ist, öffne vorsichtig dein Instrument und nehme ein Stück Papier heraus. Darauf ist ein Rezept. Gehe damit zu einem Arzt, er wird Dir helfen, die Schönheit dieser Welt zu sehen." Die letzte Saite zerreißt die Stille: "Eintausend!" Laohan zittert, er bittet den Dorfvorsteher das Blatt zu untersuchen: "Was steht da?...Was steht da?..."

Die Vorstellung beginnt...

Der Komponist sucht nach der Stille in der Musik
Beitrag von Frederik Hanssen im Tagesspiegel und in den Potsdamer Nachrichten vom 3. Mai 2001

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