| Zeitgenössische Oper Berlin |
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Exposé - Hintergrund - das Genre Filmoper Information
zu Kroll Exposé Ort der Handlung: Berlin Zeit: Gegenwart Der Film hat zwei Erzählfäden, die Geschichte eines Musikers namens Klemperer und die einer fremden Sängerin. Verwoben werden diese parallel erzählten Handlungen durch die Erinnerungen der Goldelse (Bronzeskulptur auf der Siegessäule am Großen Stern) an die Zeit der Weimarer Republik, als sie noch auf dem Platz zwischen dem Reichstag und der Krolloper stand. 1. Vorgeschichte: Der Komponist Klemperer, 37 Jahre alt; verdient sein Geld als freischaffender Dirigent. Ein Politiker hat ihn mit der Versprechung nach Berlin gelockt, ihm eine führende Position einzurichten für eine innovative Konzertreihe, an der sich alle städtischen Orchester beteiligen würden. Im Kopf Klemperers wird es eng. Die Musik, die er in sich spürt, will Ereignis werden, doch Chor und Orchester der Staatsoper weigern sich, mit ihm zusammenzuarbeiten, weil seine Musik Arbeitsweisen mit sich bringen würde, die nicht betrieblich vorgesehen sind. Die hochrangige Persönlichkeit, die ihn nach Berlin geholt hat, ist nicht mehr zu erreichen. Klemperer berechnet den Schwellenwert der aufzuwendenden Kraft, die notwendig ist, die Mauern eines Kulturtempels einzurennen. Bei einem Selbstversuch verletzt er sich die Schulter. Er kann nicht mehr dirigieren. Aus Geldmangel zieht er unbemerkt in ein stillgelegtes Requisitenlager, richtet sich dort eine eigene Welt ein. Er will trotzdem sein Recht durchsetzen und versucht es mit einer Eingabe beim Petitionsausschuss. Dort begeistert sich die Politikerin Dr. Viktoria Prutenia für seine Pläne und erkennt in ihm den geeigneten Partner für ihre eigene Ideenwelt, die vom Ideal der Grand Projets Mitterands geprägt ist: Am Schlossplatz soll ihrem Willen nach eine neue moderne Nationaloper entstehen nach modifizierten Entwürfen von Friedrich Schinkel für das Schlossareal, die erst jüngst, wie sie behauptet, aus dem Bestand der russischen Beutekunst in Petersburg gefunden wurden. Doch bald stellen sich nicht nur diese Pläne als Fake heraus. Im Absturz haltloser Ernüchterung begegnet Klemperer irgendwo zwischen Legislative und Exekutive einem Mann, der ein Buch über Otto Klemperer liest und still etwas zeichnet… 2. Eine Frau erwacht benommen morgens auf einem Baum in einem städtischen Park. Durch einen visionären Traum bedingt, hat sie eine totale Amnesie und steht unter der rauschhaften Wirkung der durchlebten Trauminhalte: Ein numinoses Wesen entführt sie aus ihrer Heimat, greift in ihre Augen, formt sie neu. Dann träufelt es ein paar Tropfen einer milchigen Flüssigkeit in ihren Hals. Seine männliche Stimme gibt ihr den Auftrag, in der Stadt, in der sie erwacht, ihm sein Eigen zurückzuerobern. Sie soll einen Tempel errichten in dem sich Menschen versammeln können und sich verschmelzend mit ihm singend und tanzend erleben. Die Frau macht sich auf den Weg in das städtische Leben, sieht zunächst nicht gut; sie ist sich fremd. Sie fragt Fremde auf den Straßen, wo sie Menschen und Orte des Tanzes und Gesangs findet. Gerät in die Nachtszene Berlins: Doch Gemeinschaften, die sie findet oder beobachtet bleiben völlig unverbindlich und unbefriedigend. Als sie in unangenehme Bedrängnis gerät, wehrt sie sich instinkthaft so heftig und grausam, dass sie tief erschrickt. Die Frau kehrt zurück zum Tiergarten an den Ort, an dem sie morgens erwachte zum Schlafen. Da stehen eine Ziege und eine Ziegenhirtin. Gemeinsam ziehen sie durch die Stadt, sammeln Menschen für eine neue Gemeinschaft und suchen einen Versammlungsort, erleben Erstaunliches aus dem Gefühl der eigenen Fruchtbarkeit heraus. Nach einem ersten Scheitern scheint der große Traum Wirklichkeit werden zu können: ein Investor bietet eine schier unglaubliche Location an…. Zum Schluss treffen die zwei Handlungen auf der Wiese zusammen, wo früher die Krolloper stand… Allmacht ist ein Thema, das jedem Menschen gestellt ist. Das Begriffsfeld des Göttlichen, Machtvollen, Allmächtigen umfasst die Sehnsucht nach Weitung der alltäglichen menschlichen Existenzmöglichkeiten. Das Singen ist eine der eindrücklichsten Fähigkeiten des Menschen, seine Ideen und Gefühle in den öffentlichen Raum zu kommunizieren. Eine große Stimme erreicht viele Zuhörer und wirkt machtvoll. Ein Orchester füllt größere Räume. Das Zusammenwirken von solchen Größen berührt den natürlichen Wunsch des Menschen an dem teilzuhaben, was er als über sein Ich hinausreichend empfindet. Immer wieder wird und wurde die Oper als Bühne der gesellschaftlichen und politischen Repräsentation genutzt und missbraucht. Durch ihre unverkennbare Herkunft als höfische Kunstform weckt die Oper bewusst und unbewusst neoaristokratische Projektionen und befriedigt damit ein offensichtlich nicht so seltenes bürgerliches Bedürfnis nach Elitenzugehörikeit. Das Rangtheater als Abbild einer hierarchischen Gesellschaft, mit dem zentralen Blick auf die Herrscherloge ist auch in unserer Gesellschaft ein beliebter Treffpunkt der Gesellschaft. Damit sind wir hinter Wagners Bayreuther revolutionärer Idee und Initiative zurück gefallen, den Blick des Zuschauers, frei von seiner sozialen Herkunft, nicht ins illustre Publikum sondern ausschließlich auf die Bühne zu richten. In „Kroll“ werden die psychologischen und geistesgeschichtlichen Bedingtheiten der Schnittstelle zwischen Politik und Oper beleuchtet. Wie geht die Demokratie mit künstlerischen Utopien um, deren Finanzierungsräume sich u.a. in politisch kontrollierten Zuständigkeiten befinden? Welche Rolle spielen diejenigen, die öffentliche Mittel legitimieren? Pflegt die Berliner Republik einen reiferen Umgang mit ihren kulturellen Fragen als die Weimarer Republik? Seiner Herkunft nach wurzelt das heutige Musiktheater im griechischen Kult des Dionysos, zu dessen Ehren man Tragödien und Komödien singend und tanzend mit Maske, Chor und Bühnenbild unter freiem Himmel aufführte. Hat dieser Fruchtbarkeitsgott, der seiner mythischen Herkunft nach ein Grenzgänger zwischen Asien und Europa war, uns heute noch mehr zu vermitteln als die musealen Abbilder im Antikenmuseum und einer durch die ganze europäische Kunstgeschichte hindurch verwobene Ikonographie? „Kroll“, eine res publica, eine öffentliche Angelegenheit, die Utopie eines zeitgenössischen Musiktheaters. Filmopern sind zumeist verfilmte Opernklassiker, in denen zu einer konventionellen Audio-Aufnahme eine spielfilmähnliche Bildästhetik addiert wird, welche die dreidimensionale Theaterbühne durch die Kinoleinwand ersetzt. Die Filmoper „Kroll“ greift mit aktuellen audiovisuellen Techniken das gemeinsame Entwicklungspotential von Film und Oper auf, wie es sich in den 20er und 30er Jahren in Ansätzen zu zeigen begonnen hatte (Alban Berg, Paul Dessau, u. a.) dann aber durch den politischen Terror der Nazis total blockiert wurde. In „Kroll“ werden nicht zwei Medien miteinander multimedial vermischt sondern sie entstehen miteinander. Musik und Film werden deshalb nicht unabhängig von einander einzeln sinnvoll aufführbar sein, anders als im Videoclip, in dem die Bildebene wahlweise zur Musik verändert oder weggelassen werden kann ohne den musikalischen Sinnzusammenhang zu beeinflussen. |