home                                                                           Zeitgenössische Oper Berlin

 

Europera 5

von John Cage (1912 - 1992)
U
raufführung: 1991, New York

Premiere: 6. November 1999  Hebbel-Theater
und:

11. Dezember 2006 in La Casa Encendida Madrid 


Amaral Vieira, Günter Neumann und Klaus Geitel - Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

Konzeption:

mit:

Christina Tappe, Andreas Rochholl

Catherine Gayer - Sopran
Günter Neumann - Tenor
Amaral Vieira
- Piano
Klaus Geitel - Grammophon

Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin und dem Hebbel-Theater
mit Unterstützung der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank und der Brasilianischen Botschaft

Der Titel "Europera" (im Plural "Europeras") ist ein Wortspiel und bedeutet sowohl "Your Opera" als auch "Europe’s operas". Auf der Grundlage des kompositorischen Materials der Opern des 18. und 19. Jahrhunderts dekonstruierte John Cage mittels Zufallsoperationen die Sprache der klassischen Oper und ließ gleichzeitig eine Hommage an eben diese Opernwelt entstehen.

"200 Jahre schickten uns die Europäer ihre Opern, jetzt schicke ich sie ihnen alle wieder zurück" — mit dieser Feststellung begann John Cage 1987 "Europeras 1 & 2" zu schreiben. Diese ersten beiden Opern waren hochkomplex. Nicht nur die Musik in der Besetzung für großes Orchester wurde systematisch dem Zufallsgenerator unterworfen, sondern auch Bühnenbild, Requisiten, Licht, Tanzfiguren und Opernarien: der Versuch, das Musiktheater-Geschehen völlig neu zu organisieren.

Der reale, nicht planbare Zufall des Lebens ließ kurz vor der Premiere Pierre Boulez‘ in den sechziger Jahren ausgesprochene Forderung "Sprengt die Opernhäuser in die Luft" Wirklichkeit werden: das Opernhaus in Frankfurt brannte nieder und damit auch Großteile der Europera-Produktion.

Auch wenn es in der Folge zur Aufführung kam, besann sich John Cage bei seiner Fortsetzung der Europera-Serie auf Reduktion. Aus einem großen Fest für die ganze Welt der Oper wurde in Europera 3 eine dramatische, dichte, wagnerianische und in Europera 4 eine kunstvolle, mozartische, vergnügliche Kammeroper.

Europera 5 ist die reduzierteste Form. Zwei Sänger, ein Pianist und ein Grammophon-Spieler interpretieren jeweils sechs von ihnen ausgewählte Werke der Opernliteratur und bringen somit ihre langjährigen Opernerfahrungen auf die Bühne. Diese stehen vom Zufall dirigiert unabhängig nebeneinander und verbinden sich mit den persönlichen Opernerinnerungen eines jeden Zuschauers.

John Cage hörte die Premiere seiner letzten Oper im Garten des Museum of Modern Art in New York. Es war die letzte Aufführung, die er erleben sollte.

Die Spielregeln
Alle einzelnen Elemente und Parameter sind unabhängig voneinander.

Der Raum
Die Bühne ist in 64 Quadrate aufgeteilt. Sie bilden das Schema für die Organisation des Bühnenablaufs. Die Positionen der Menschen und Gegenstände auf der Bühne sind zufallsbestimmt.

Die Zeit
Die Aufführungsdauer beträgt exakt 60 Minuten. Innerhalb dieses Zeitraumes wurden mit Hilfe des ältesten chinesischen Orakelbuches "I-Ging" zufällige Zeiteinheiten festgelegt, während derer die einzelnen Beteiligten ihre Aktionen ausführen. Die Uhr läuft während der Aufführung und übernimmt die klassische Funktion des Dirigenten.

Die Aktionen
2 Sänger tragen 5 Arien eigener Wahl des Standardrepertoires der Opernliteratur vor. Jeder bewegt sich für jede Arie auf eine andere, zufällig ausgewählte Position auf der Bühne. Zwei Arien werden offstage gesungen. Ein Auftritt findet mit einer Tiermaske statt.
1 Pianist trägt 6 eigens ausgewählte Opernbearbeitungen vor. Mal wird das Klavier normal gespielt, mal setzt der Pianist das von John Cage sogenannte "shadow playing" ein, wobei die Tasten nur berührt werden und kein (beabsichtigter) Ton erzeugt wird.
Ein Grammophonspieler spielt 6 Schellackaufnahmen alter Opernarien auf einem alten mechanischen Grammophon.

Die Kostüme
Die Kleidung wird von allen Beteiligten selbst gewählt.

Der Ton
"Truckera" (von engl. Truck = Lastwagen) ist eine Tonbandaufnahme von 101 übereinander geschnittenen Opernaufnahmen in 6 Teilen von jeweils 30 Sekunden Dauer, welche sechsmal während der Aufführung über Lautsprecher eingespielt wird.
Das Radio (offstage, leiser Tonpegel) und der Fernseher (ohne Ton) werden an zufällig festgelegten Zeitpunkten an- und ausgeschaltet.

Das Licht
Mit Hilfe eines eigens von Cages Mitarbeiter Andrew Culver geschriebenen Computerprogramms wird eine zufällige Anzahl von Scheinwerfern ausgewählt, welche in Position, Typ und Ausrichtung zufällig festgelegt und eingerichtet werden. Es werden keine Farbfolien benutzt. Mit Hilfe des Programms wird der Ablauf mit den einzelnen "Cues" (d.h. wann welcher Scheinwerfer wie hell und wie lange leuchtet) errechnet — unabhängig vom Bühnengeschehen.

 

© 2007 Zeitgenössische Oper Berlin
Immanuelkirchstraße 38 | 10405 Berlin

Tel     030 - 44 34 21 01 | Fax    030 - 43 73 95 66
Mail: info (at) zeitgenoessische-oper.de