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Cenci

von Giorgio Battistelli *1953

Musiktheater nach Antonin Artaud 
für 4 Schauspieler und 16 Musiker
Text von Giorgio Battistelli und Nick Ward,
deutsche Übersetzung von Max Nyffeler

Uraufführung: 1997, London

Premiere: 5. November 1999  Hebbel-Theater
Deutsche Erstaufführung


Cornelia Schmaus als Lucrezia Cenci - Foto: Iko Freese/DRAMA

Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Klangregie
Kostüme

Cenci
Lucrezia
Beatrice
Orsino
Rüdiger Bohn
Sabrina Hölzer
Reinhild Blaschke
Matthias Kirschke,
Mark Polscher
Regina Schill

Manfred Andræ
Cornelia Schmaus
Carmen Dalfogo
Marcus Kaloff

Orchester der Zeitgenössischen Oper Berlin

Koproduktion mit dem Hebbel-Theater Berlin
mit Unterstützung der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank

 

Giorgio Battistellis Oper basiert auf der authentischen Geschichte der römischen Adelsfamilie des Grafen Francesco Cenci, Ende des 16. Jahrhunderts. Wegen dessen zahlreicher Verbrechen, langen Demütigungen und Mißhandlungen seiner Frau und Kinder und der Vergewaltigung der Tochter Beatrice ließ seine Familie ihn durch zwei Mittelsmänner ermorden. Ehefrau und Tochter wurden von Papst Clemens VIII. des Mordes beschuldigt und im Jahr 1599 öffentlich hingerichtet.

Die Quellen des Schauspiels "Les Cenci" (1935) von Antonin Artaud waren vermutlich Stendhals Übersetzung eines zeitgenössischen Tatsachenberichtes innerhalb seiner "Italienischen Chroniken" (1830-1842) und Percy Shelleys Theaterstück "The Cenci" (1819). Artaud erkannte in dem historischen Familienbild der "Cenci" ein Movens der Grausamkeit, das er in seinen theatralischen Auseinandersetzungen als eine der geheimsten Triebfedern des menschlichen Herzens bezeichnete. In seinem Bühnenstück steht die Gewalt in der Familie im gesellschaftlichen Kontext kirchlicher Machtausübung.

Battistelli und sein Librettist Nick Ward nehmen den historisch gesellschaftlichen Rahmen weitestgehend zurück und konzentrieren sich auf die Familienkonstellation. Das Familienportrait der "Cenci" zeigt Grausamkeit als einen Kreislauf, als eine facettenreiche Determinationskette von Macht und Gewalt, die durch einen einzelnen Menschen nicht durchbrochen werden kann. Die Kirche bleibt eine Macht im Hintergrund, repräsentiert durch einen jungen Priester im Konflikt zwischen Liebe und Zölibat. So wird die authentische Renaissancegeschichte in eine gesellschaftliche Urform der Familie überführt und bildet ein Exempel für eine archetypische Konstellation, das weit über seine historische Einbindung hinausgeht.

Giorgio Battistelli entwickelte für seine Figuren eine theatralische Musiksprache, die ihre seelischen Bewegungen sicht- und hörbar macht. Durch eine Art "notierter Emotion" verschmelzt er den Ausdruck der Darsteller mit dem Ausdruck der Instrumente zu klanggewordenen Bildern der menschlichen Seele. Er notiert den Atem, den Herzschlag, die Schreie, das Zittern, Flüstern und Weinen seiner Figuren in ihrem einsamen Kampf mit der eigenen Ohnmacht.

Der Darsteller selbst wird zu einem expressiven musikalischen Instrument. Das Hervorbrechen der latenten Tiefenschicht an Grausamkeit, die das Theater Artauds bestimmte, wird in den rhythmischen Exzessen der Musik Battistellis zu einem akustischen Erlebnis. Er durchbricht mit der Ausschreitung extremster Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme die Maske des gesprochenen Wortes und vertont damit die Suche seiner Figuren nach menschlichem Kontakt in der Überschreitung sprachlicher Grenzen.

 

Gesprächskonzert mit Giorgio Battistelli am 31. Oktober 1999  Hebbel-Theater:

Mélodrame
für Stimme, 2 Harfen, 2 Marimbaphone, nach Texten von Pierre Louÿs
von Giorgio Battistelli

Moderation: Helga de la Motte
Stimme: Dorothea Gädecke

Musikalische Einstudierung: Karen Schulze-Koops

in Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD und dem Italienischen Kulturinstitut

Musiktheater — Theatermusik
Wie kein anderer Komponist der Nachkriegszeit hat Giorgio Battistelli als Erbe der ruhmreichen Operntradition Italiens den größten Teil seiner kompositorischen Bestrebungen der Oper gewidmet — ihrer modernen Erscheinungsweise, dem Musiktheater, genauer: der musikalischen Theatralik oder der "Theatermusik". Sowohl in seinen szenischen Werken als auch in seinen Orchesterwerken und dem kammermusikalischen Oeuvre wird auf verschiedene Weise und in unterschiedlichstem Zusammenhang eine theatralische Dimension herausgearbeitet, egal, ob sie für die Bühne bestimmt ist oder nicht: Wenn man sie sieht oder auch hört, hat man ein akustisches Theaterstück vor sich, ein Theater, das durch die Vielfalt seiner Suggestionen zur Erforschung imaginärer Räume einlädt, die einem Jeden offenstehen. Bei Battistelli steht meistens die Überlagerung mehrerer paralleler Geschichten im Vordergrund sowie die Ausarbeitung multidimensionaler narrativer Strukturen. Seine Bühnenwerke sind stets Orte, an denen sich die Imagination ausbreitet, fiktionale zeitlose Räume, in denen lebhaft experimentiert wird, dabei aber — der Vielfalt der Mittel zum Trotz — stets vom Siegel der Kohärenz gekennzeichnet.
Ivanca Stoianova

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