Ein Bund der Oper
Konzeption zur Neugestaltung der Berliner
Opernlandschaft
Warum noch eine neue Konzeption?
Die bisher vorliegenden Konzeptionen und
Strukturmodelle zur Berliner Opernsituation sind zumeist nicht aus künstlerischem
Reformwillen entstanden, sondern auf Grund des wachsenden Berliner Haushaltsnotstands.
Ihre jeweiligen Inhalte sind hauptsächlich geprägt durch verwaltungstechnische
Veränderungen, der Suche nach Einsparpotentialen und durch ein variiertes Beharren auf
den Status Quo. Solch geartete Umstrukturierungen haben wenig Chancen, die notwendigen
emotionalen und künstlerischen Energien für einen öffentlich wahrnehmbaren Neuanfang
freizusetzen. Der bisher vorherrschende Eindruck ist, daß die Zukunft des
hauptstädtischen Musiktheaters vor allem mit Degression in Zusammenhang steht. Für das
gewünschte und notwendige Engagement des Bundes sollten zusätzliche Argumente gefunden
werden, die weniger die Berliner Bedürftigkeit betonen, als viel mehr einen möglichen
neuen Handlungsspielraum für alle im Bund vertretenen Länder aufzeigen.
Gemeinsam mit der Akademie der Künste und
dem Rat für die Künste veranstaltete die Zeitgenössische Oper Berlin am 25. November 2002 mit vier Komponisten ein
Podiumsgespräch zu Fragen der Berliner Opernsituation. Auf diesem Podium stellte Peter
Ruzicka richtungsweisende Gedanken zu einem Idealmodell für eine großstädtische
Opernlandschaft vor, die im Folgenden weiter ausgeführt und konkret angewandt werden.
Das hier vorliegende Konzept ist ein auf
künstlerischer Notwendigkeit fußendes Reformpapier, das von dem politisch geplanten
abgesenkten Finanzbudget ausgeht (Berliner Anteil von 90 Millionen Euro), Berlin trotzdem
in eine innovative Opernstadt verwandeln kann und darüber hinaus Impulse für das gesamte
Musiktheaterleben in der Bundesrepublik ermöglicht.
Die Betriebsform
Die drei bisherigen landeseigenen
Opernbühnen werden in einer Stiftung zusammengefaßt und unter eine Intendanz und
Geschäftsführung gestellt. Der Intendant soll als Moderator für die Vielfalt des
Programmes und die sie ermöglichenden künstlerischen Persönlichkeiten sorgen. In dieser
Stiftung ist der Bund mit 1/3, das Land Berlin mit 2/3 Stimm- und Finanzierungsanteilen
vertreten. Aufgaben der Geschäftsführung sind: Koordination der Werkstätten,
Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit, pädagogische Programme und Marketingarbeit. Jedes
Haus bekommt ein eigenes künstlerisches Profil, das im Folgenden beschrieben wird. Die
Orchester- und Ballettfragen werden weiter unten gesondert behandelt.
I. Das Haus für das große Repertoire
1. Das Gebäude
Bühne und Zuschauerraum der Deutschen Oper
Berlin eignen sich in hervorragender Weise für das große Opernrepertoire.
2. Grundsätzliche Gedanken bezogen auf die
kulturelle Tradition
Das als Bürgeroper gegründete und 1961
für West-Berlin neu erbaute Opernhaus soll in gesamtstädtischer Verantwortung auf
höchstem Niveau eines A-Theaters arbeiten und die Bürger und Berlin-Besucher mit dem
reichen kulturellen Erbe der Opernwelt vertraut machen. Ein Ziel soll der Aufbau eines
leistungsstarken Sängerensembles sein. Damit in Zusammenhang soll auch die Pflege der
Kapellmeistertradition stehen, d.h. ein kontinuierliches Zusammenarbeiten von Dirigenten,
Sängern und Musikern während der gesamten Spielzeit hindurch erreicht werden.
3. Programmatik
Die Werke von Mozart bis zu den
großformatigen zeitgenössischen Werken werden im Repertoiresystem mit festem
Sängerensemble und den notwendigen Gastsolisten produziert.
Pro Spielzeit werden 6 Premieren und 30
Werke im Repertoire angeboten.
4. Personal
Neben den Solisten sind der Chor und das
technische Personal wie bisher fest engagiert.
II. Das Haus für Europa und die
Bundesländer
1. Das Gebäude
Die Staatsoper unter den Linden wird in
einem ersten Schritt vollständig denkmalgerecht saniert. Nach der notwendigen
Schließzeit eröffnet das Haus mit neuer Programmatik.
2. Grundsätzliche Gedanken bezogen auf die
kulturelle Tradition
- Das Forum Fridericianum wurzelt in den Gedanken eines
frühen europäischen Geistes, den es aus heutiger Erfahrung kulturpolitisch
weiterzuentwickeln und konkret anzuwenden gilt. Das Interesse am kulturellen Dialog mit
den europäischen Staaten kann gerade in der komplexen Kunstform Oper vielgestaltig belebt
werden. Durch regelmäßige Einladungen von Ensembles aus europäischen Städten würde
ein fachlicher und kultureller Austausch mit einer neuen Selbstverständlichkeit
initiiert.
- Die historisch bedingte Tradition eines staatlichen
Repräsentationsortes soll dem Selbstverständnis der jetzigen Berliner Republik
entsprechend neu formuliert werden. Die Bundesländer werden eingeladen, ihre eigenen
besonderen Leistungen hier zu präsentieren. Damit wird der Solidarcharakter des Bundes
deutlich und der fachliche innerdeutsche Wettbewerb gefördert. Eine Einladung nach Berlin
ist im Sinne der Nachhaltigkeit im Umgang mit Produktionsmitteln sinnvoll und ein
Instrument zur geistigen Belebung des gesamten deutschen Musiktheaterbetriebes.
3. Programmatik
- Das ganze Jahr über werden herausragende Opernproduktionen
aus den Bundesländern und dem europäischen Ausland gezeigt. Es werden Aufführungen
ausgewählt, die sich entweder durch die Stückwahl oder durch die Umsetzung besonders
hervorgetan haben. Diese Produktionen werden blockweise jeweils zwei- oder dreimal
gespielt.
- Die bestehenden Osterfestspiele werden mit wechselnder
Programmatik weitergeführt.
- Im Sommer wird ein Festival der Barockoper angeboten, mit
Eigenproduktion, Koproduktionen und Gastspielen.
- Zweimal im Jahr werden Werke im Stagionebetrieb neu
produziert, die durch die Art der Realisierung oder die Stückwahl im Repertoirealltag
nicht konsequent auf höchstem Qualitätsniveau umgesetzt werden könnten.
- Die unter b d aufgeführten Aktivitäten sollten
schwerpunktmäßig von der Staatskapelle realisiert werden. Darüber hinaus wäre ein
spezifisches Konzertprogramm der Staatskapelle in der Staatsoper wünschenswert, das den
besonderen Qualitäten dieses Klangkörpers einen geeigneten Rahmen gibt.
4. Personalstruktur
Das technische Personal ist fest engagiert.
Die Künstler werden für die Eigenproduktionen einzeln engagiert.
III. Das Haus der Gegenwart
1. Das Gebäude
Der Innenraum der Komischen Oper wird
umgebaut zu einem multifunktionalen Aufführungssaal, in dem mittlere und kleinere
Stückformate erarbeitet werden können. Die Bestuhlung kann variiert werden bis zu max.
600 Sitzplätzen. Die zwei vorhandenen Ränge werden nach dem Prinzip der variablen
Medienschalung verändert, wie es beispielhaft in dem Entwurf des "Zentrums für
zeitgenössische Oper und Musik" (2001) von den Architekten Gewers Kühn + Kühn
entwickelt wurde.
2. Grundsätzliche Gedanken bezogen auf die
kulturelle Tradition
Die Berliner Theatertradition wurde vor
allem geschrieben von wechselnden, nach den Zeitläufen sich orientierenden
Theaterinstitutionen und den sie leitenden Künstlern. Ensembles erneuerten je nach
künstlerischer und finanzieller Entwicklung Orte und Programmatik, Theater wurden
umgebaut, das Metropoltheater an der Friedrichstraße beispielsweise von 1911 1930
alleine dreimal. Die Krolloper wurde für die vom preußischen Kulturministerium geplante
Neueröffnung 1927 mit den zeitgemäßen technischen Equipment innen komplett neu
ausgestattet und umgestaltet. Auch die Komische Oper ist 1947 und 1965 umgebaut und
erweitert worden, um einer damals zeitgemäßen Theaterform Ausdrucksmöglichkeiten zu
geben. Diesem Geist der Flexibilität und Neugier gilt es neue Möglichkeiten zu geben
durch eine innovative Theaterinnenraumgestaltung und einer damit verbundene Dramaturgie.
3. Programmatik
Produktionen des zeitgenössischen
Musiktheaters werden im Stagionebetrieb erarbeitet mit fünf Schwerpunkten:
- Beispielhafte Neuproduktionen von Werken des
zeitgenössischen internationalen Musiktheaters.
- Labor für neue Werke, mit besonderem Schwerpunkt auf
prozessorientiertes Arbeiten.
- Analog zum Haus für "Europa und die
Bundesländer" sollen hier wesentliche Produktionen dieses Repertoires aus den
anderen Bundesländern und dem internationalen Ausland eingeladen werden.
- Eine Vernetzung mit wissenschaftlich arbeitenden Instituten
(Kognitionsforschung, Audiologie, Musikwissenschaft, etc.) soll das interdisziplinäre
Arbeiten fördern.
- Ensembles für zeitgenössische Musik sollen hier
Gelegenheit haben, regelmäßig mit flexiblen räumlichen Bedingungen und entsprechendem
technischen Know-How ihr Repertoire zu pflegen und zu erweitern.
4. Personalstruktur
Die für die einzelnen Eigen-Produktionen
benötigten Sänger, Darsteller und Musiker werden mit Werkverträgen engagiert. Das
technische Team besteht zur Hälfte aus festen Mitarbeitern, die andere Hälfte wird
produktionsbedingt mit Stückverträgen engagiert.
Das neue Kindermusiktheater
Ein Teil des oberen Foyers der Komischen
Oper wird umgebaut zu einer Bühne für Kindermusiktheater, die regelmäßig bespielt
werden kann und unabhängig vom Betrieb auf der Hauptbühne zu organisieren ist.
Das Musiktheater für Kinder erstellt ein
eigenes Programm-Profil. Als Vorbild kann z.B. das Programm der sogenannten
"Yakult"-Halle in der Kölner Oper oder der "Jungen Oper" in Stuttgart
dienen. Der wesentliche Punkt bei dieser Planung ist, dass die Produktionen dieses Ortes
nicht als Annex des großen Betriebes durchgeführt werden, mit zum Schluss noch freien
Ressourcen, sondern als wichtiger und eigenständiger Grundbestandteil des Gesamten in die
Planung mit aufgenommen werden.
Das neue Opernstudio und die Akademie
Es soll ein Konzept erarbeitet werden,
durch das die Zusammenarbeit mit den verschiedenen regionalen und überregionalen
Ausbildungsinstituten verbessert wird. Als geeignetes Instrument ist ein Opernstudio
geplant, dessen Arbeit sich auf alle drei Häuser erstreckt. Auf diese Weise kann eine dem
Ausbildungsstand angemessene Aufgabenvielfalt den jungen Künstlern angeboten werden. Das
wäre ein wichtiges Beispiel für verantwortungsvolle Nachwuchspflege.
Des weiteren ist eine mit dem Opernstudio
verbundene «Akademie Musiktheater» wünschenswert, in welcher Studierende
unterschiedlicher Theater-Berufe (Theateringenieur(-in), Dramaturg(-in),
Regisseur(-in),
etc.) Gelegenheit haben, Erfahrungen zu sammeln und Projektideen zu erarbeiten. Die
Ausschreibung für die Plätze in dieser Akademie würde bundesweit organisiert.
Die Orchester- und Ballettfrage
In diesen beiden Fragestellungen sind
verschiedene Lösungen denkbar. Es muss überprüft werden, inwieweit die historisch
gewachsene Koppelung der Orchester- und Ballettstrukturen an die Bühnen in zeitgemäße
Formen zu überführen sind. Um eine klangliche Vielfalt zu erhalten, ist es notwendig,
zwei eigenständige Orchester zu haben, die sich die unterschiedlichen Aufgaben des
großen Repertoires an den Häusern aufteilen, damit eine gemeinsame Gesamtidentität
erzeugt werden kann. In Haus der Gegenwart wird es zumeist sinnvoll sein, die in den
verschiedenen Werken sehr unterschiedlich besetzten Musikerensembles jeweils einzeln
zusammenzustellen oder mit Fachensembles zu kooperieren.
Die Umsetzung dieses Konzeptes würde auch
neue Freiräume schaffen für die Frage der Ballettsituation. Die zahlreichen Argumente,
die im Verlauf der Diskussion um das "Berlin-Ballett" vorgelegt wurden, könnten
neu betrachtet werden und zu angemessenen Lösungen führen.
Vorteile eines "Bundes der Oper"
- Alle drei bisherigen Musiktheater-Standorte werden erhalten.
- Die Umsetzung dieses Konzeptes ermöglicht ein größeres
Spektrum an Werken und Interpretationen, mehr Vielfalt der Theatersprachen, ein breiter
gefächertes Publikum und mehr Akzeptanz seitens der Öffentlichkeit.
- Ein wesentliches Defizit der bisherigen Berliner
Opernsituation wird aufgehoben: Es gibt keine angemessene Bühne für die Werke mittleren
oder kleineren Formats. Mit dem «Haus der Gegenwart» wird der Entwicklung Rechnung
getragen, daß heutige und zukünftige Entwicklungen des Musiktheaters vor allem in diesem
Bereich stattfinden.
- Ein weiteres Defizit ist der fehlende Generationendialog.
Mit der Etablierung eines eigenen Kindermusiktheaters und eines Opernstudios wird damit
ein Neubeginn ermöglicht.
- Berlin tritt in einen aktiveren Kulturdialog mit den anderen
Bundesländern und nimmt als Hauptstadt die Verantwortung wahr, Impulse zu setzen,
Innovation zu fördern und das historische Erbe, womit nicht nur die Werke, sondern auch
das deutsche Theatersystem gemeint ist, in besonderer Weise zu bewahren und beleben.
- Die Sommerbespielung durch ein neues, attraktives Festival
entspricht dem schon lang gehegten Wunsch, eine große Lücke im Berliner Kulturkalender
zu schließen.
- Die vom Bund in Berlin finanzierten Institutionen, die
Berliner Festspiele und das Haus der Kulturen der Welt können in ihrer Programmatik
unterstützt und Synergien genutzt werden.
- In historischer Nachfolge der preußischen Staatsoper und
der legendären Krolloper wird vom Bund die (kultur-)politische Verantwortung im
Spannungsfeld von Tradition und Innovation mit Bewusstheit wahrgenommen.
- Die Berliner Opernsituation würde einen deutlichen und
nachvollziehbaren künstlerischen Neuanfang erleben und damit ein ermutigendes Signal
geben, daß auch in "Spar-Zeiten" Gestaltungsfreiräume zu schaffen sind.
2. Dezember 2002
Andreas Rochholl |