Zeitgenössische Oper Berlin
Salvatore Sciarrino (*1947)

Der Sizilianer Salvatore Sciarrino ist 1947 in Palermo geboren. Seit seiner frühen Kindheit hat er sich mit den bildenden Künsten beschäftigt, sich jedoch allmählich von ihnen abgewandt, als er sein Interesse für Musik entdeckte. Als frühreifes Talent begann er als Autodidakt mit zwölf Jahren unter der Anleitung von Antonino Titone zu komponieren. Dann studierte er bei Turi Belfiore. 1962 wurde während der IV. Internationalen Woche Nuova Musica in Palermo zum ersten Mal ein Werk von ihm aufgeführt, aber der Komponist betrachtet die zwischen 1959 und 1965 entstandenen Werke als Ergebnis einer noch nicht abgeschlossenen Lehrzeit. Nach dem humanistischen Gymnasium geht er zuerst nach Rom und dann nach Mailand.

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Seit einigen Jahren lebt er in Città di Castello.Er hat folgende Preise erhalten: I.G.N.M. 1971, Taormina 1971, Guido Monaco 1972, Cassadó 1974, I.G.N.M. und Dallapiccola 1974, Anno discografico 1979, Psacaropoulos 1983, Abbiati 1983, Premio Italia 1984.

Drei Jahre lang war er künstlerischer Leiter des Teatro Comunale in Bologna und hat auch an den Konservatorien in Mailand, Perugia und Florenz unterrichtet, so wie bei Fortbildungskursen.

Obgleich man mit dem Namen Salvatore Sciarrino normalerweise den Begriff neuen Klangmaterials in bezug auf die von dem sizilianischen Komponisten begonnene neue und interessante Suche verbindet (die mehr auf den Klang abzielt als auf die ihm fremde "Dialektik des Hörens"), kamen andere, ebenso wichtige Aspekte dazu, die ein ganz besonderes stilistisches Bild abrundeten. Dies war in erster Linie die Gestaltung der Klangsignale in Richtung einer stärkeren Transparenz und Wesentlichkeit, einer musikalischen Artikulation, deren Folgerichtigkeit die akustische Invention aus bloßen sensorischen Reizen in kohärente. In zweiter Linie die wohlbekannte Zentralität von dem Verhältnis Klang - Schweigen.

Die akustische Invention, die früher auf eine Art glasklarer Historisierung der Formen ausgerichtet war, zielt nun mehr immer stärker auf neue Wahrnehmungen der Zeit ab.

 

Salvatore Sciarrinos archaisierende Sphärenklänge

Die einzigartige Stellung der Musik Salvatore Sciarrinos im Panorama der zeitgenössischen Musik läßt sich, wollte man die Philosophie der Neuen Musik und deren rationalistisch begründeten Fortschrittsglauben in Anspruch nehmen, weder mit Hilfe der Ästhetik noch durch rechnerische Analysen begreifen. Gerade in den Jahren, als das autonome Kunstwerk, durch Parameter und Strukturen vom Geist der Wissenschaft erfüllt, neue Zukunftsbahnen eröffnete und einer positivistisch begründeten Kompositionsmethode huldigte, kehrte Sciarrino, ohne mit der Wimper zu zucken, der Zukunft den Rücken und begab sich in die Antike. Dieser Bruch mit der Gegenwart war um so auffälliger, als er just in den Jahren geschah, da die in Darmstadt von den Gralsrittern des Neuen gehütete serielle Musik als all verbindliche weltumspannende Umgangssprache keinen Zweifel daran ließ, wer musikalisch recht hatte. Aber Sciarrino war ein Outsider, ein Naiver, und es war klar, daß seine von Sizilien inspirierte Weltanschauung der Philosophie der Vorsokratiker näher stand als der von Webern und Boulez, die sich mit ihrem viel progressiveren Denken auf Hegel oder Descartes beriefen. Sciarrinos Denkweise ist durch und durch mediterran, seine Sensibilität hat ihre Wurzel in der Ahnungslosigkeit eines magisch begabten Talents, das ohne sich dessen bewußt zu sein, sein historisches Gedächtnis in der Antike, in jenem Teil Siziliens verloren hat, den man "Magna Graecia" nannte.

Salvatore Sciarrino - 1947 in Palermo geboren - erlernte das kompositorische Handwerk autodidaktisch; besser gesagt: Er lernte es überhaupt nicht, was ihm einen unendlichen Freiraum musikalischer Jungfräulichkeit und die Originalität am Nullpunkt garantierte. Originalton Salvatore Sciarrino aus dem Jahr 1987: "Ich mußte ganz von vorne beginnen, mir den Umgang mit den Instrumenten mit Hilfe einer unberührten Hand und eines jungfräulichen Ohrs auf der Grundlage eines Experiments zwischen Primitivismus, Ordnung und Futurismus erfinden".

Mit autodidaktischer Undiszipliniertheit, die um keine historische Kontinuität bemüht sein mußte, schuf Sciarrino ab 1966 mit der Neugier eines Narziß unerhörte klangliche Strukturen, zärtliche Klangschleifer, schleierhaft durchsichtige Agglomerate, flüssige und ätherische Gebilde, Klangräume voller Leere und die Leere voller Leichtigkeit. Insgesamt zielte seine Innovation auf Vereinfachung, auf Wiederholung und auf eine fundamentale Entstrukturalisierung der Neuen Musik; man kann sogar sagen, er habe der Avantgarde durch die orphischen Riten die wissenschaftliche Methode abgewöhnt, er habe die musikalische Erfindung das Staunen der Vorsokratiker wieder gelehrt. Nicht dass Sciarrino der Gretchenfrage der Avantgarde, der Materialfrage oder der Suche nach dem musikalischen Urstoff, aus dem Weg gegangen wäre; aber er verfuhr mit der Unbekümmertheit und der primitiven Ahnungslosigkeit jener autodidaktischen Naturphilosophen aus der Zeit vor Sokrates, die alle - ob Thales von Milet, Anaximanes, Parmenides, Anaximander, Demokrit oder Empedokles - ein Traktat über die Natur verfaßten und das Geheimnis der Welt mit verblüffender Ausschließlichkeit jeweils einem einzigen Prinzip zuschrieben: dem Feuer, dem Wasser, der Luft. Der Sizilianer Sciarrino hat von diesen Vorsokratikern der "Magna Graecia" sowohl das Staunen als auch die monomane, im Wesen dilettantische Methode des Einfachen und Primitiven gelernt. Was für Thales von Milet "das schönste Ding der Welt" bedeutete, nämlich das Wasser, ist für Sciarrino das Flageolett, und zwar eine Flut von Flageoletten, ein Meer von Obertönen. Und wo Anaximanes, der Zeitgenosse des Pythagoras, in seinem "Hunger nach himmlischen Dingen" die Luft zum Urstoff erkor, welche die Seele, die auch aus Luft besteht, zusammenhält, da läßt Sciarrino, Äolus gleich, die musikalischen Winde durch die Instrumente blasen, daß den Tönen Hören und Sehen vergeht.

"Das Weltall besteht aus Luft und ist zwei mechanischen Phänomenen unterworfen: der Verdünnung und der Verdichtung; und das Feuer ist Luft in besonders verdünnter Form." Dieses von Anaximanes statuierte Naturgesetz läßt sich in seiner elementaren Einfachheit genau auf Sciarrinos Kompositionsverfahren mit diffusen Luftgeräuschen übertragen, seien sie nun geblasen oder gestrichen. Im Bläseroktett Di Zefiro e Pan ist buchstäblich jede klingende Note ausgespart, wird in die Instrumente nur warme, heiße Luft geblasen, wie vom Scirocco, der ewig über Sizilien fährt. Sciarrino - halb Orphiker, halb Chaldäer - erinnert beinahe an den antiken Sonderling Empedokles, der in Selinunt mit Eselsfellen den Scirocco zu regulieren sich anmaßte und von daher den Spitznamen "der Windebändiger" erhielt. Diesem antiken mythologischen Wind sind durch die Handhabung einer luftigen Instrumentation fast alle Werke wie einer "linden Luft aus der Ferne" - "All' aura in una lontananza", um einen Werktitel Sciarrinos zu zitieren - gewidmet.

In Sciarrinos musikalisch bevölkerter Klang-Mythologie fauchen in der Tat Faune mit Flöten, seufzen Musen mit Harfen, streicheln Nymphen mit Geigen, schmeicheln Satyrn mit Celesten, stoßen Eumeniden und Erynnien mit gestopftem Blech, singen Euterpen und Sirenen mit sphärischen Klängen. Im Zentrum des Mythos stehen Amor und Psyche, das stilisierte Verlangen nach schönen Dingen, die raffinierte Ästhetisierung der Leidenschaft, der Eros in Gestalt sinnlicher Figuren. Es sind griechische, phönikische, minoische, kretische Gestalten, die in dieser üppigen musikalischen Ikonographie erscheinen: leise und mysteriöse musikalische Gottheiten wie jene des Harpokrates, der mit dem Finger vor dem Mund die Menschen zum Schweigen und die Musik zum Pianissimo aufruft.

Unter den Piano-Komponisten der Gegenwart ist Salvatore Sciarrino einer der leisesten und diskretesten; der Flüsterton seiner Werke steigt wie ein Echo aus den Labyrinthen der Antike auf und vermählt sich mit den Klängen einer lärmenden archaischen Landschaft. Die vibrierenden hohen Pfeiftöne sind Naturlaute, so eindringlich und ungeordnet wie die Zikaden-Konzerte in der flimmernden Hitze der Pinienhaine von Agrigent: Musik als Geräuschakt von Natur im schwülen "Nachmittag eines Fauns".

Aber Sciarrinos musikalischer Sonnenkult bringt in ambivalenter Weise auch das Paradigma des Todes. In der Oper Cailles en sarcophage gibt sich diese nekrophile Seite des Sonnenklangs deutlich zu erkennen. Ein "Museum musikalischer Obsessionen" nennt der Komponist dieses klingende Mausoleum, in dem Dekorativismus und entmaterialisierte Leere ein unheimlich instrumentiertes Jenseits beschwören. Wiederum ist Sciarrinos Metaphysik vorsokratischer, naturmystischer Art und sein musikalisches Firmament voller hoher und glitzernder Töne: "Die Sterne sind glühende Steine, die schwindelerregend schnell am Himmel kreisen, bis sie bei einer plötzlichen Verlangsamung auf die Erde stürzen." Sciarrinos rasend schnelle Läufe in hohen und höchsten Frequenzen bilden die wörtliche Applikation dieses phantastischen Theorems von Anaxagoras, so wie ja auch seine gesamte Kompositionslehre auf dem Paradox des Zenon beruht: auf der Erzeugung des Stillstands durch die Beschleunigung der Einzelteile.

"Man kann die Dicke des Raumes mit der Hand fassen", meine Anaxagoras. Ähnlich verfährt Sciarrino mit der Simulation von Fülle und Leere: Musik entsteht gleichsam - nach den Gesetzen des Anaxagoras - aus "der Verdünnung der von Sonne erhitzten Luft, aus Licht und Donner und Vibrieren". Und die Stücke leben so lange, als es ihrem Schöpfer gelingt, "vermittels des Atems das Gleichgewicht zwischen den Atomen der Luft und jenen der Seele zu halten", um mit Demokrit zu sprechen.

Unter den musikalischen Geschwindigkeits-Künstlern ist Sciarrino ein Äquilibrist, ein Trapezkünstler ohnegleichen, aber er ist auch unendlich depressiv. Indiz für diese in der Mittagssonne Siziliens entwickelte Melancholie sind alle jene weichen, dekadentistisch verwesenden Allegorien der Nacht, die in zahlreichen Methaphern seiner Stücke aufscheinen: Claire de lune, Il paese senz' alba - Das Land ohne Sonnenaufgang - Aspern nach Henry James, Che sai tu, guardiano, della notte? - Was weißt du, Wächter, von der Nacht? -, Introduzione all' oscuro - Einführung ins Dunkel -,Allegoria della notte, Nocturnes und De la nuit. Diese nach Dunkelheit sich verzehrende Helligkeit und Melancholie, die in der unerträglich heißen Landschaft Siziliens ihren archaisch monomanen Grund hat, ist zeitlos wie die Natur, die sie archetypisch beschreibt. "Jedes Ding ist, solange es dauert, zu seiner Form verurteilt, dazu, so zu sein, wie es ist. Immer muß er so bleiben, dieser Mensch, Zeit seines Lebens". Von dieser Fatalität, die Luigi Pirandello als die sizilianische "conditio humana" definierte, singt Salvatore Sciarrino - unter allen Komponisten der entwicklungsloseste - in seiner Musik ein Lied. Es ist, alles in allem, eine primitive Musik, der vor innerer Hitze der Schweiß auf der Stirn steht, eine Musik, die apathisch und auf sizilianische Weise undurchlässig für alles Neue einer Äolsharfe ähnlich das ewig gleiche Lied auf die Natur "als Klänge der Nacht" anstimmt.

Hubert Stuppner, Programmbuch Salzburger Festspiele 1993

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